Was passiert, wenn der Körper entscheidet, dass es reicht? Björn Wäschke trainierte jahrelang für Olympia im Kanurennsport. Die gesamte Identität aufgebaut auf Leistung, Disziplin und dem Versprechen: Wenn ich genug gebe, reicht es. Dann kam die Diagnose einer Herzkrankheit. Und alles, was ihn definiert hatte, war weg.
In dieser ersten Episode von Tiefgang sprechen Björn und ich über das, worüber Männer selten reden: Woher kommt dieser Druck, immer funktionieren zu müssen? Was steckt hinter dem Antrieb, der sich als Ehrgeiz tarnt? Und was bleibt von dir übrig, wenn du die Leistung wegnimmst? Wenn du dich fragst, was Mann sein heute jenseits von Funktionieren bedeutet, ist dieses Gespräch ein Anfang.
Auf einen Blick
Leistungsdruck kommt oft von tiefer. Hinter dem Antrieb, immer mehr zu geben, steckt häufig der Wunsch nach väterlicher Anerkennung. Björn und Christian sprechen über ihre eigenen Muster: Björn im Leistungssport, Christian als Bäckermeister im Betrieb seines Vaters.
Identität, die an Leistung hängt, bricht zusammen, wenn die Leistung wegfällt. Was dann bleibt, ist die eigentliche Frage.
Kompensation ist ein Signal, nicht das Problem. Zucker, Ablenkung, Betäubung zeigen dir, wo etwas ungelöst ist.
Was in Beziehung kaputtgegangen ist, kann nur in Beziehung heilen. Isolation hilft nicht. Ehrliche Gespräche schon.
Die Frage „Was bleibt, wenn du die Leistung weglässt?“ ist kein Gedankenexperiment. Sie ist der Anfang.
Worum es in dieser Episode geht
Björn Wäschke war Leistungssportler im Kanurennsport. Er trainierte auf Olympia hin, gewann nationale Meisterschaften und definierte sich vollständig über seine sportliche Leistung. Dann diagnostizierten die Ärzte eine Herzkrankheit. Von einem Tag auf den anderen war der Sport vorbei. Und mit ihm die gesamte Identität. Mehr darüber, woher dieses Muster kommt und was darunter liegt, im Artikel über Leistungsdruck.
Was folgte, war kein sanfter Übergang. Es war ein Zusammenbruch. Björn erzählt offen, wie er versuchte, das Loch zu füllen. Mit Zucker. Mit Ablenkung. Mit dem Versuch, in anderen Bereichen dieselbe Leistung abzurufen. Bis er erkannte: Das Muster war älter als der Sport.
Ich kenne das Muster aus einer anderen Richtung. Als Sohn eines Bäckermeisters wuchs ich in eine Welt hinein, in der Leistung die Sprache der Zugehörigkeit war. Früh aufstehen, funktionieren, nicht fragen. Die Selbstständigkeit wurde zum nächsten Feld, auf dem ich beweisen wollte, dass ich genug bin. In meiner Kontakt mit Männern sehe ich dieses Muster ständig: Männer, die alles geben und nicht wissen, für wen eigentlich.
In diesem Gespräch gehen wir dorthin, wo es unbequem wird. Zur väterlichen Prägung. Zum Moment, in dem die Kompensation nicht mehr reicht. Und zur Frage, die alles verändert: Was bleibt, wenn du die Leistung weglässt? Wenn du deine Werte jenseits von Leistung suchst, erkennst du vielleicht, dass die Antwort nicht im Kopf liegt.
Über Björn Wäschke
Björn Wäschke ist ehemaliger Leistungssportler im Kanurennsport. Er trainierte auf nationaler Ebene und richtete sein gesamtes Leben auf den Spitzensport aus. Eine Herzkrankheit beendete seine Karriere abrupt. Heute spricht er offen über den Identitätsverlust nach dem Sport und den Weg zurück zu sich selbst.
Themen in dieser Episode
- Leistungsdruck als Ausdruck von Sehnsucht nach Anerkennung
- Die väterliche Prägung: Wie Erwartungen unbewusst übernommen werden
- Identitätsverlust: Was passiert, wenn das wegfällt, worüber du dich definierst
- Kompensationsmuster erkennen: Warum Zucker, Ablenkung und Betäubung Signale sind, nicht Probleme
- Heilung in Beziehung: Warum Isolation nicht funktioniert und ehrliche Gespräche der Anfang sind
- Die Kernfrage: „Was bleibt, wenn du die Leistung weglässt?“
Wenn du merkst, dass du seit Jahren funktionierst, ohne zu wissen wofür, dann lies auch den Artikel Was will ich wirklich? Das ist die nächste Schicht.
Häufig gestellte Fragen
Woher kommt Leistungsdruck bei Männern?
Leistungsdruck bei Männern wurzelt oft in dem Wunsch nach väterlicher Anerkennung. Viele Männer übernehmen unbewusst die Erwartungen ihrer Väter und definieren ihren Selbstwert über Leistung. Das Muster zeigt sich in Karriere, Sport oder Selbstständigkeit. Wenn die Leistung wegfällt, bricht häufig die gesamte Identität zusammen.
Was tun bei Identitätsverlust nach dem Ende einer Karriere?
Der Identitätsverlust nach einer Karriere ist ein Einbruch, der sich existenziell anfühlen kann. Der erste Schritt ist, den Schmerz zuzulassen statt zu kompensieren. Dann geht es darum, sich selbst die Frage zu stellen: Wer bin ich ohne meine Leistung? Dieser Prozess braucht Beziehung, nicht Isolation. Männerkreise, Mentoring oder Therapie bieten den Raum dafür.
Warum ist Kompensation ein Signal und nicht das Problem?
Kompensationsmuster wie übermäßiger Zuckerkonsum, Pornografie oder ständige Ablenkung sind Versuche, ein tieferliegendes Bedürfnis zu stillen. Sie zeigen dir, wo ein ungelöstes Thema liegt. Statt die Kompensation zu bekämpfen, lohnt es sich hinzuschauen: Was versuche ich gerade nicht zu fühlen? Die Kompensation ist der Wegweiser, nicht der Feind.
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Christian (00:00)
Wieder eine Episode Tiefgang. Und heute soll es um ein Thema gehen, das wir als Männer wahrscheinlich sehr oft gefühlt haben und mit dem wir täglich konfrontiert sind. Das Thema Leistungsdruck. Und ich muss sagen, Leistungsdruck war für mich ein Thema, das sich jahrelang, jahrzehntelang durch mein Leben gezogen hat und sich oft in Zielen, Wünschen und Bedürfnissen versteckt hat. Bis ich anfangen konnte wahrzunehmen, dass sich alles um den Leistungsdruck dreht und dass da noch ganz andere Themen dahinterstecken.
Genau das ist das, was wir heute im Tiefgang besprechen wollen. Was liegt eigentlich hinter dem Leistungsdruck? Wo kommt das Ganze her? Und ich dachte mir, es macht Sinn, mit jemandem zu sprechen, der das Thema Leistung als ehemaliger Leistungssportler sehr gut kennt. Heute habe ich Björn Wäschke hier. Björn ist ehemaliger Leistungssportler im Kanufahren. Du hast Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und Co. gepaddelt, wenn man das so nennt.
Viel gepaddelt und sehr viele Themen durchgemacht. Ist persönlich ein sehr enger Freund von mir. Und wir wollen heute einfach mal so ein bisschen freischnauze über das ganze Thema reden und schauen, was uns da so bewegt. Was sagst du, wie ist es so als Leistungssportler mit den ganzen Ansprüchen und Wünschen? Was hat dich motiviert?
Björn (01:30)
Die größte Motivation ist der Traum. Der Traum Olympia. Das war bei mir die größte Motivation. Kanurennsport ist eine olympische Sportart, deswegen kann ich ganz klar sagen: Mein Traum war es, zu Olympia zu fahren und natürlich auch Gold. Das war es, was mich aus meinem Bewusstsein heraus getrieben hat. Das Unterbewusstsein ist natürlich nochmal eine ganz andere Sache. Wie kommt man zum Leistungssport? Was hat einen darin gehalten? War es schon immer das, was man machen wollte? Das sind natürlich ganz andere Themen, die da eine Rolle spielen.
Christian
Ich bin kein Leistungssportler, ich habe in der Kreisklasse Fußball gespielt und das nicht gut. Aber mit viel Leidenschaft. Ich habe schlecht angefangen und bin trotzdem besser geworden über die Jahre, bis zum Kreuzbandriss. Dann habe ich gesagt: Wenn Kreuzbandriss und Bayern München mir keinen Vertrag schicken, dann ist jetzt auch offiziell das Ende.
Aber ich kenne es aus anderen Bereichen. Da war halt auch immer der Traum, irgendwann als Produktmanager Produktchef zu werden und einen Firmenwagen zu haben. Und dann aber auch immer wieder der Frust, wenn diese Sachen nicht so gelaufen sind, wie ich sie gerne gehabt hätte. Jetzt zurückblickend kann ich sagen, dass ich dafür dankbar bin. Aber zu der Zeit war das für mich gar nicht möglich, bis ich angefangen habe hinzugucken: Hey, war das jemals mein Traum? Wie ist es denn zu diesem Traum gekommen bei dir?
Björn (03:14)
Vielleicht muss ich da ein bisschen länger ausholen. Als kleines Kind haben mich die Eltern in den Fußballverein geschickt und ich habe mich dann wieder austreten lassen, weil ich auf dem Fußballfeld Gänseblümchen gesammelt und mir die Käfer angeguckt habe. Was schon eine Aussage darüber ist, wie ich einfach gebaut bin.
Ich habe immer gerne gezeichnet. Und richtig gut. Ich habe so gut abgezeichnet, dass mir Lehrer manchmal nicht geglaubt haben. Die haben mir schlechte Noten gegeben, weil sie meinten, ich hätte abgepaust. Ich habe am liebsten Skelette gemalt. Von Tieren.
Mein Vater war auch Leistungssportler gewesen, selbe Sportart. Er hat Kanadier gemacht, das ist die Disziplin, die ich zum Schluss gemacht habe. Im Knien. Er hat mich da halt mit reingebracht, reingezogen, wie es halt normal ist. Je nachdem, wie die Dynamik zu Hause ist. Das ist jetzt natürlich alles die erwachsene Perspektive des Björn heute.
Ich kann heute sagen, dass ich wahrscheinlich viel für meinen Vater gemacht habe. In dem Sinne, dass ich mir was davon erhofft habe. Das ist meine Idee. Weil ganz klar ist: Ich bin aufgegangen im Zeichnen, in der Kunst. Da bin ich aufgeblüht, habe die Zeit vergessen.
Und du wächst in eine Sportart immer hinein. Du fängst mit einem Tag in der Woche an, lernst es kennen, alles ist ein bisschen spielerischer. Du hast jemanden, der ein bisschen besser ist, wo du dich orientieren kannst. Und der Ehrgeiz kommt ja auch aufgrund des Bedürfnisses, Anerkennung zu bekommen. Und so werden aus einem Tag mehrere Tage die Woche. Du gehst zu Wettkämpfen, du bekommst ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, aufgeregt zu sein, unter Druck zu stehen. Und am Ende bist du dann so weit, dass du das Privileg hast, in die Nationalmannschaft zu fahren.
Ab einem bestimmten Punkt fängst du an, dich damit auch zu identifizieren. Und das ist eine ziemlich große Herausforderung.
Christian (06:54)
Mein Vater ist auch Bäckermeister, so wie ich. Ich habe das erste Mal mit sechs Jahren in der Backstube gestanden. Ich wollte Papa helfen, wollte Teil der Welt sein. Das gehört ja zu dieser Vater-Sohn-Beziehung dazu. Die Frage ist: Gibt es irgendwann den Punkt, wo es nicht mehr gesund ist? Wo das Kind gar nicht mehr richtig entscheiden kann, was es eigentlich will?
Bei mir war es so: Ich hatte schlechte Noten in der Schule. Ich habe lieber World of Warcraft gespielt statt für die Fachoberschule zu lernen. Dann hatte ich keine andere Wahl, als Bäcker zu lernen.
Björn
Ein ganz wichtiger Punkt.
Christian (08:09)
Irgendwann habe ich festgestellt, gar nicht so lange her: Hey, was habe ich denn eigentlich mal gemacht beruflich, was ich intrinsisch gerne machen hätte wollen? Wie du jetzt zum Beispiel das Zeichnen beschreibst. Das war ein Talent, das war da, hat keinen Raum gehabt.
Du hast mit dem Leistungssport irgendwann aufgehört, aus verschiedenen Gründen. Gab es dann irgendwann diese Reflektion, diese Fragestellung: Was will ich eigentlich im Leben?
Björn
Ganz klar. Die Motivation und die Identifikation war: Ich bin Sportler und ich möchte zu Olympia und ich möchte Gold. Das war es, was sich tagtäglich in meinem Kopf gedreht hat.
Christian
Hast du das erreicht?
Björn
Bei Olympia habe ich nie teilgenommen. In dem Jahr, wo die Qualifikation war, war ich auch nicht mehr so gut wie im Jahr davor. Schmerzt auch ein bisschen, das so anzuerkennen. Dann hat man bei mir eine Herzkrankheit diagnostiziert, weshalb ich aufhören musste. Da war der absolute Identitätsbruch.
Christian
Das muss krass gewesen sein.
Björn (09:36)
Dadurch, dass du in dieser Bubble bist und sich alles um den Sport dreht, selbst die Schule nur eine Notwendigkeit war. Wir waren an einer Elitesportschule. Da konntest du das Abitur in 14 statt 13 Jahren machen, damit du mehr Zeit zum Trainieren hast. Am Vormittag aufs Wasser, dann Schule, dann weiter trainieren bis abends um 18, 19 Uhr.
Christian
Und wie war das mit dem Bruch, nachdem du die Diagnose bekommen hast?
Björn (11:17)
Da ist eine Welt zusammengebrochen. Da ist alles in mir zusammengebrochen. Ich arbeite im Prinzip immer noch daran, herauszufinden: Was bringe ich noch mit? Was bringe ich mit außer die Maschine? Der Sportler. Ich habe gedacht: Man kann mich super abrichten. Oder ich kann mich super abrichten als Sportler, als Maschine. Ich funktioniere. Aber da war nichts. Da war nichts. Und Verrat.
Christian
Verrat war noch da?
Björn
Weil das nicht meine Entscheidung war, warum ich aufhören musste. Mein Körper hat diese Entscheidung gemacht. Wenn man bei dir auf einmal eine Herzkrankheit diagnostiziert, dann hasst du deinen Körper. Weil der dir alles gegeben hat erst. Und dann alles genommen hat.
Da ist ein Glaubenssatz bei mir entstanden: Es macht keinen Sinn, etwas zu investieren, wenn es danach in Schmerz endet. Das ist natürlich ein harter Glaubenssatz.
Christian (13:19)
Wie war das für dich eigentlich, wenn du mit sechs Jahren schon in einer Backstube standest und da reingewachsen bist? Konntest du für dich wahrnehmen, was du eigentlich wolltest?
Christian
Es war halt immer da. Mein Vater war zu der Zeit noch Angestellter. Und dann, als ich so zwölf, dreizehn war, hat er sich selbstständig gemacht. Er hatte eine Bäckerei gepachtet für fünf Jahre. Dann bin ich schon während der Schulzeit immer wieder arbeiten gegangen. Freiwillig, muss ich dazu sagen, mit dreizehn, vierzehn. Und mit 15 ging dann der Ernst des Lebens los mit dem ersten Minijob.
Mir hat der Job extrem viel Spaß gemacht. Ich bin da richtig gut drin. Stipendium bekommen, beste Gesellenprüfung abgeschlossen, Meister finanziert bekommen, das lief alles super. Aber dann, kurz vor Ende des Pachtverhältnisses mit 18, musste ich auch manchmal am Dienstag oder Mittwoch arbeiten und danach noch in die Schule.
In der Ausbildung musste ich um fünf anfangen, das heißt vier Uhr aufstehen. Als Geselle drei, das heißt zwei aufstehen. Als Meister eins, das heißt zwölf aufstehen, acht Uhr ins Bett gehen. Und ich bin wirklich jeden Morgen aufgestanden und habe mir gesagt: Hätte ich doch besser in der Schule aufgepasst. Weil das war ein Satz, den mein Vater mir immer gesagt hat.
Mir war von vornherein klar, dass das Mittel zum Zweck ist. 2009 kam das Gesetz, dass man mit einem Meisterbrief studieren darf. Dann kam das Stipendium, ganz viel Glück zusammen. Ich habe den Meister in drei Monaten absolviert, drei Vierteljahre gearbeitet, und bin dann beim BWL-Studium gelandet. Bei mir war die Identität von vornherein: Ich will studieren und ich will nicht so enden.
Björn (16:19)
Wenn ich das mit mir vergleiche: Du hattest einen realistischen Blick und eine bestimmte Wahrnehmung für das, was du brauchst, schon gehabt.
Christian
Ich wusste, was ich nicht will. BWL studieren war auch nicht das Optimum. Ich hatte halt keine anderen Optionen und ich wollte unbedingt der Erste in der Familie sein, der studiert. Aber da war auch viel Druck. Das erste Semester war extrem, weil ich direkt auf dieses hohe Niveau andocken musste. Habe gelernt wie ein Bekloppter, alle Klausuren bestanden. Und danach ist gleich der alte Christian angesprungen. Bin nur noch zur Prüfung gegangen. Auf den Partys war ich immer.
Man ist in etwas gut, man bekommt Anerkennung. Ich bekomme Anerkennung, ich werde geliebt. Und das muss mir zeigen, dass ich richtig bin. Aber dafür muss ich einen großen Preis zahlen, indem ich etwas mache, was eigentlich gar nicht mir entspricht.
Björn (17:32)
Und die Maschine habe ich ja nicht mal mehr. Das ist die krasse Sache. Ich kenne meinen Körper, wozu ich leistungsfähig bin. Ich bin wahrscheinlich immer noch in den Top zehn Prozent, was Kraft angeht. Aber du hast trotzdem immer noch diesen harten Selbstkritiker, der sieht, was möglich war und wo ich jetzt bin.
Ich muss mir meine Ruhezeiten vor der Arbeit geben, weil sonst ist es zusätzlich noch zu anstrengend. Die ständige Verfügbarkeit, Verantwortung, das zieht am System.
Christian (18:44)
Mich interessiert: Was war denn so dein Prozess, diese Sachen überhaupt anzufangen zu erforschen? Du wirst ja nicht morgens wach und die Reflektionsmaschinerie ist angestoßen.
Ich glaube, das ist es, was ja viele Männer heute suchen, die unter Leistungsdruck stehen. Business läuft geil, ich fühle mich trotzdem leer. Konto ist voll, ich fühle mich trotzdem leer. Oder ich habe all das nicht und fühle mich auch leer und will mehr. Wir suchen alle nach Antworten. Was hat in diesem Prozess angestoßen, nach Antworten zu suchen?
Björn (20:29)
Leid ist ein Thema. Je nachdem, wie du mit Leid umgehst. Leid hat auch unterschiedliche Phasen. Erst war es extremes Selbstmitleid. Das macht mich auch traurig.
Das war ein ganz großes Thema, weil du nicht weißt mit dir wohin. Du denkst, du bist nutzlos. Ich war auf jeden Fall suizidal. Das fing das erste Mal mit 18 an. Da hat man festgestellt, dass was mit meinem Herzen nicht stimmte. Man hat mich aus dem Sport rausgenommen, ich habe die Schule abgebrochen, eine Ausbildung angefangen. Nach acht Monaten in Therapie beim Kardiologen hat man mir gesagt: Scheint irgendwie normal zu sein bei Ihrem Herzen, so eine Anomalie, Sie können wieder anfangen.
Dann bin ich wieder eingestiegen nach 14 Monaten Pause. Habe wieder trainiert wie eine Sau, bin zur Schule gegangen. Dann bei den U23-Weltmeisterschaften, 2012, kam das Ding wieder. Und dann ging es halt wieder los. Leere. Leid.
Eine Suche im Nebel. Das können Wassersportler am besten beurteilen. Du guckst in alle Richtungen und siehst nichts außer Nebel. Du hast Orientierungslosigkeit. Weißt nicht, wo vorne und hinten ist. Bewegst du dich in eine Richtung, drehst du dich im Kreis.
Leid in unterschiedlichen Phasen: Erst Mitleid, dann das Leid, das man spürt, weil du dir Veränderung wünschst, weil du dir Sinn im Leben wünschst.
Björn (24:06)
Dann fängst du an zu suchen. Die Schulmedizin hat mir nicht weitergeholfen. Die haben mir gesagt: Es kann darauf hinauslaufen, dass Sie später ein neues Herz brauchen. Sie dürfen nie wieder mit einem Impuls über 110. Schlucken Sie die Medikamente. Dann dachte ich: Warum soll ich denn noch leben?
Dann ging ich auf die Suche, Selbstverantwortung für meine Gesundheit zu übernehmen. Habe mich mit Ernährung auseinandergesetzt, vegan-ketogene Richtung. Im Prinzip beginnt es mit Selbstverantwortung. Das ist halt schwierig am Anfang.
Christian (25:50)
Das hat ja mehrere Ebenen. Die Frage ist erstmal: Wie weit muss es gehen? Und je größer der Leidensdruck ist, desto größer wird auch der Impuls zur Handlung irgendwann.
Björn
Egal in welche Richtung. Je länger du einem Leidensdruck ausgesetzt bist, desto größer und lauter werden Gedanken, die entweder dienlich fürs Leben sind oder nicht.
Ich habe verschiedene Erfahrungen gemacht, die mir eine andere Welt gezeigt haben. Einmal war das eine spirituelle Erfahrung, ohne Substanzen. Wo ich als Adler geflogen bin über eine Landschaft und unten einen Bären gesehen habe, der mich begrüßt hat. Aus dieser Welt wollte ich nicht zurück.
Christian (27:30)
Ich glaube, es gibt verschiedene Phasen in der Bewusstwerdung. Die fängt bei jedem anders an, aber es gibt irgendwann den Punkt, wo du anfängst, den Schmerz zu erkennen. Du suchst Antworten im Nebel und fängst an, irgendwo hinzugreifen. Die einen fangen an mit Persönlichkeitsentwicklung, Selbstoptimierungsbüchern, Meditation, Yoga.
Bei mir ging es über das Körperliche los, über Massagen. Ich war auf einem Hackathon in Bulgarien und habe mir eine Fußreflexzonenmassage geholt. Das war mit Abstand die schmerzhafteste Erfahrung meines Lebens. Ich konnte drei Tage nicht laufen. Aber danach bin ich einen Monat geschwebt.
Zurück in Berlin habe ich eine Heilpraktikerin gefunden. Nach der ersten Behandlung hat sie gesagt: Was dir guttun würde, wäre Körperarbeit. Über Druckpunkte und Berührungen die Emotionen, die im Körper feststecken, releasen. Dann bin ich bei der Körperpsychotherapie gelandet. Ich bin das erste Mal hin, das zweite Mal, das dritte Mal. Bin dabei geblieben.
Jeder hat quasi seinen Weg. Ich glaube, es ist richtig, diesen Weg zu gehen und Erfahrungen zu sammeln und in die Handlung zu kommen. In den vier Wänden gibt es keine Lösung dauerhaft.
Björn
Das hört sich so einfach an, wenn man sagt, dass man in die Handlung kommen muss. Das lässt sich leicht sagen, aber die Umsetzung, diesen Berg zu bewegen, in die Handlung zu kommen. Und die Handlung bedeutet ja auch jedes Mal, sich neu dafür zu entscheiden.
Christian
Bis es zu einer Gewohnheit wird. Kennst du das, dass du früher zu Hause gesessen hast und in diesem Leid warst und gemerkt hast: Ich habe einfach die Schnauze voll? Angenommen, jetzt ist gerade jemand in so einer Situation. In diesem absoluten Tiefpunkt. Was kann man solchen Menschen empfehlen?
Björn (31:31)
Geh zu jemandem und rede darüber. Das ist erstmal das Gehen in Kontakt.
Christian
Und wenn ich dir sage: Ich habe niemanden?
Björn
Dann würde ich sagen: Gib Geld dafür aus.
Christian
Interessant. Mein erster Impuls war das, was ich gemacht habe: Ich habe kompensiert. Kompensation kann eine Strategie sein, erstmal nicht alles zu fühlen, weil es auch überwältigend sein kann.
Klassische Beispiele, die wahrscheinlich viele Männer und Frauen kennen: Essen, Zucker, Pornografie, Gambling. Das sind Sachen, die leicht verfügbar sind und kurzfristige Dopaminkicks geben. Dieser Selbsthass oder diese Abneigung ist ein Zeichen dafür: Hey, hier läuft was schief.
Wenn du Kompensationsmechanismen hast, wenn du zum Beispiel abends immer dein Bier brauchst oder deinen Zucker, dann ist das ein Zeichen dafür, dass im Nervensystem etwas brodelt. Wo es sich lohnt, hinzuschauen. Einfach zu gucken: Da ist scheinbar ein Muster in mir, das versucht, etwas zu kompensieren. Das angeschaut werden möchte.
Ob du die Ressourcen hast, das gerade anzuschauen, ist eine ganz andere Frage. Du kommst nicht von 0 auf 100. Aber die Bewusstwerdung und sich das einzugestehen ist wichtig. Und wie du schon sagst: Das in Beziehung zu bringen. Ich sehe drei Möglichkeiten: Du redest mit jemandem, der dir nahesteht. Du gibst Geld dafür aus, indem du mit jemandem redest. Und in der heutigen Zeit kannst du auch kurzfristig mit der KI drüber reden.
Björn
Es kann extrem beruhigend sein, wenn du jemandem einfach mal mitteilst, was Sache ist. Das In-Kontakt-Bringen ist das Wichtigste. Was braucht das Baby, wenn es geboren ist? Kontakt mit der Mutter.
Christian (34:58)
Ein guter Freund von uns hat einen sehr schönen Satz gesagt: Was in Beziehung kaputtgegangen ist, kann auch nur in Beziehung heilen. Und der Glaube, es alleine lösen zu können, ist Teil des Problems. Das ist ja auch das, was leider oft so vermittelt wird. Männer weinen nicht. Ein Mann muss stark sein. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Als Mann bist du immer alleine gegen alle. Nein, bist du nicht.
Allein einen Männerstamm zu haben, ein Tribe, das für dich da ist und für das du da bist, gibt dir eine Aufgabe und Zusammenhalt. Am Ende vom Tag glaube ich, dass wir alle Zugehörigkeit wollen. Und Verbindung. Und Aufgaben. Vor allem als Mann.
Björn
Ja, das habe ich für mich ganz klar festgestellt. Sei es nur bei einer gemeinsamen Freundin, die sagt: Könnt ihr mir beim Umzug helfen? Oder holt mir die Wasserflaschen hoch aus dem Auto. Das macht was mit mir. Sich gebraucht fühlen, einen Sinn dafür zu haben.
Christian (36:17)
Ich finde, das spannt sehr gut den Bogen zum Einstieg. Am Ende vom Tag: Was sind meine Werte? Was will ich in Verbindung mit der Aufgabe? Und die tiefe Erfüllung kommt dann, wenn die Aufgabe im besten Fall sogar noch dem Allgemeinwohl dient.
Das ist auch der Grund, warum dieser Podcast entstanden ist. Was kann ich geben? Ich war früher total anti und habe immer Nein gesagt. Ein Kumpel und seine Freundin sind umgezogen, haben mich in eine Telegram-Gruppe eingeladen. Alle haben reingeschrieben: Oh Schatzi, ich habe leider keine Zeit. Ich habe reingeschrieben: Danke, ich habe keine Lust und werde euch nicht helfen. Liebe Grüße. Und bin aus der Gruppe raus.
Mein Kumpel hat mich eine Woche später angerufen: Hey, richtig geil, dass du so ehrlich warst. Dann, ein paar Jahre später, hat ein Freund zu mir gesagt: Was hast du denn für ein Problem mit Umzügen? Ist doch voll geil. Gut für die Gains. Am Ende Kastenbier und Pizza. Und dann habe ich mir gedacht: Ja, das ist ein gutes Argument.
Am Ende vom Tag: Die Suche nach der Aufgabe oder nach dem Sinn des Lebens fängt vor allem dabei an zu gucken: Was will ich eigentlich wirklich? Und ich glaube, das geht bei Männern tatsächlich erst ab einem späteren Zeitpunkt richtig los.
Björn
Was ja, wenn man auf die moderne Gesellschaft schaut und den Vergleich mit indigenen Völkern zieht, welche Rituale dort für Männer betrieben werden: Die gibt es bei uns nicht mehr. Es gibt keine Initiationen mehr. Du hast keine Vorbilder mehr. Wir werden nicht nach unseren Stärken gefördert in diesem System. Wenn du heranwächst und in einem System bist, wo du bestimmte Sachen erfüllen musst und danach bewertet wirst, ohne auf dich selbst gucken zu können und einfach sein zu dürfen.
Es geht nicht darum, ob du mit einer Sache Geld verdienst, die du als Mittel zum Zweck nimmst. Manche kommen damit gut klar. Aber die haben vielleicht etwas, wo sie einfach sein können. Wo sie die Zeit vergessen, wo der Ausgleich stattfindet.
Christian
Wo hast du aktuell Ausgleich?
Björn (40:58)
Ich habe auf jeden Fall keinen Ausgleich, wo ich sein kann. Weil das habe ich mir abtrainiert. Man könnte sagen: Dann fang doch wieder an. Da sind wir wieder beim Handeln. Ist nicht immer so einfach. Ich könnte wieder anfangen zu zeichnen oder Gitarre lernen. Und ich müsste mich auch mit meinem Glaubenssatz auseinandersetzen: Es macht keinen Sinn, etwas anzufangen, wenn es danach in Schmerz endet.
Christian
Da gibt es auch den Satz: Aus Angst vor dem Ende fängst du gar nicht erst an. Ich möchte an der Stelle für jeden, der zuhört, sagen: Schau mal auf der Tiefgang-Seite vorbei. Es gibt Angebote und Räume, wo es dafür Platz gibt.
Weil du es ansprachst: Wir leben in einer Gesellschaft, wo Väter es auch nicht anders gelernt haben. Was heißt Mannsein eigentlich? Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der es nicht die finale Antwort und das finale Vorbild dafür gibt. Aber wir die Aufgabe haben, diese Antwort zu suchen und das gemeinsam zu machen. In einer Gemeinschaft, in einer Gruppe.
Wenn wir den ganzen Leistungsdruck weglassen: Gut aussehen, guter Vater sein, schnelles Auto, viel Geld, gut im Bett. Wenn wir das alles weglassen: Was bleibt dann übrig?
Genau mit dieser Frage beschäftige ich mich sehr viel. Und das ist auch der Grund, warum wir heute hier zusammensitzen. Es gibt Leute, die sich dieser Aufgabe stellen. Das ist nicht für jeden gemacht, das muss man auch dazu sagen.
Björn
Und wie du gesagt hast: Es gibt die Angebote. Man ist nicht allein.
Christian (42:46)
Man ist nicht allein. Es war schön, dass du da warst.
Björn
Danke für das Gespräch. Es ist schon eine Reise, wenn man anfängt, aus seinem Leben zu erzählen. Und wie wichtig die Vorgeschichte für das eigene Selbstverständnis ist. Mitgefühl ist ein ganz großer Punkt dabei. Nicht drin hängenbleiben, nicht zu sehr graben. Weil irgendwann muss man sich umdrehen und dann laufen.
Christian
Besser könnte ich es nicht sagen. Danke.