← Glossar

Normative Male Alexithymie

Von Christian Strunk2 Min. Lesezeit

Normative Male Alexithymie beschreibt die durch Sozialisierung antrainierte Schwierigkeit von Männern, eigene Emotionen zu erkennen und in Worte zu fassen. Ronald Levant prägte den Begriff. Der entscheidende Punkt: Es ist kein Defekt. Es ist antrainiert. Männer werden systematisch daran gehindert, Gefühle zu benennen. Im Körper zeigt sich das als spürbare Aktivierung ohne Worte dafür, suchender Blick, längere Pausen, schneller Wechsel zu Rationalisierung. Du spürst etwas, aber Du kommst nicht ran. Nicht weil nichts da ist. Sondern weil der Zugang blockiert ist.

Typische Muster normativer männlicher Alexithymie:

Woher Normative Male Alexithymie kommt

Männer fühlen nicht weniger als Frauen. Der grösste Geschlechtsunterschied bei Alexithymie liegt nicht in der Fähigkeit zu fühlen, sondern im extern-orientierten Denken. Männer richten ihre Aufmerksamkeit nach aussen statt nach innen. Das beginnt früh: Jungen werden seltener nach Gefühlen gefragt, seltener beim Benennen von Emotionen unterstützt, häufiger für emotionalen Ausdruck korrigiert. Was nicht geübt wird, verkümmert. Nicht das Fühlen verschwindet. Die Verbindung zwischen Fühlen und Benennen wird dünner.

Die gute Nachricht: Was antrainiert wurde, ist umkehrbar. 8 bis 12 Wochen gezieltes Training reichen für messbare Verbesserungen in der Fähigkeit, Emotionen zu erkennen und zu benennen. Der Körper ist dabei oft der schnellere Zugang als der Kopf.

Wie sich Normative Male Alexithymie bei Männern zeigt

Was ich beobachte: Die meisten Männer haben keinen Gefühlswortschatz. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil niemand ihn mit ihnen aufgebaut hat. Wenn ich frage: Was fühlst Du gerade? kommt fast immer: Weiss ich nicht. Oder: Gestresst. Oder: Nichts. Das ist keine Verweigerung. Das ist ein ehrliches „Ich komme nicht ran“.

Der Körper weiss oft mehr als der Kopf. Deshalb frage ich anders: Was ist gerade im Körper? Wo spürst Du etwas? Und dann passiert etwas. Der Blick geht nach innen. Eine Pause entsteht. Und plötzlich gibt es Worte für etwas, das vorher nur ein diffuses Unbehagen war.

„Ein Mann, 35, Gespräch über Stress. Was fühlst du gerade? Weiss ich nicht. Was ist im Körper? Brust ist eng. Pause. Ich glaub, das ist Druck. Und irgendwie Angst. Zum ersten Mal benannt. Später: Krass, ich hab das sonst einfach nur weggedrückt. Nicht weil er nicht fühlen konnte. Sondern weil nie jemand gefragt hat. Und weil er nie gelernt hat, dem Körper zuzuhören.“

Der Unterschied zwischen klinischer Alexithymie und der normativen Variante: Bei der klinischen Form ist die Fähigkeit selbst beeinträchtigt. Bei der normativen Form wurde sie nie richtig entwickelt. Das bedeutet: Sie lässt sich aufbauen. Nicht durch mehr Nachdenken. Sondern durch Körperwahrnehmung, Benennen, Wiederholen. Spüren lernen ist kein Talent. Es ist eine Fähigkeit.

Verwandte Begriffe

Passende Artikel:

Welches Muster läuft bei Dir?

Finde in 3 Minuten heraus, welche Gewohnheit Dich steuert.

Gewohnheitsspiegel starten