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Achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention

Von Christian Strunk2 Min. Lesezeit

Achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention, kurz MBRP (Mindfulness-Based Relapse Prevention), kombiniert Achtsamkeitstraining mit kognitiver Verhaltenstherapie. Der Kern: Nicht das Craving verschwindet. Du lernst, es zu spüren, ohne ihm zu folgen. Das klingt einfach. Es ist das Härteste, was Du tun kannst. Weil es bedeutet, bei dem zu bleiben, was unangenehm ist, ohne es zu betäuben, ohne wegzulaufen, ohne zu greifen. Im Körper zeigt sich der Unterschied sofort: Wer sein Craving bekämpft, spürt hohe Spannung, inneren Kampf, „Ich darf nicht“. Oft gibt er am Ende trotzdem nach. Wer sein Craving achtsam beobachtet, spürt immer noch Spannung, aber mehr Raum. Bewusster Atem. Weniger Enge im Kopf. Der Unterschied ist nicht, dass es angenehm wird. Sondern dass es handhabbar wird.

Woher MBRP kommt

Sarah Bowen und ihr Team entwickelten MBRP als Erweiterung von Alan Marlatts Rückfallpräventionsmodell. Eine randomisierte klinische Studie (Bowen et al. 2014) mit 286 Teilnehmern über 12 Monate zeigte: MBRP übertrifft sowohl Standard-Rückfallprävention als auch übliche Nachsorge. MBRP-Teilnehmer berichteten 31 Prozent weniger Tage mit Substanzkonsum und deutlich weniger schweres Trinken. Der Unterschied: MBRP trainiert nicht Vermeidung, sondern die Fähigkeit, Unbehagen auszuhalten.

Wie sich MBRP bei Männern zeigt

In meiner Arbeit nutze ich Achtsamkeit pragmatisch. Kurz, konkret, direkt anwendbar. Die Reaktion am Anfang ist oft Widerstand: „Ist das nicht Meditation?“ Oder Ungeduld: „Bringt das wirklich was?“ Sobald Männer merken, dass es ihnen konkret im Moment hilft, kippt die Haltung.

Der häufigste Irrtum: „Achtsamkeit heisst, ruhig zu werden oder nichts zu fühlen.“ Nein. Achtsamkeit heisst: fühlen, ohne sofort zu reagieren. Nicht wegmachen. Nicht schönreden. Einfach wahrnehmen. Das ist der Unterschied zwischen Kontrolle und Regulation. Kontrolle sagt: Unterdrücke es. Achtsamkeit sagt: Spüre es. Und lass es da sein. Und warte, bis es sich verändert. Denn Craving ist eine Welle. Und Wellen gehen vorbei. Wenn Du sie nicht bedienst.

„Ein Mann, 36, wollte mit dem Rauchen aufhören. Typisches Muster: Stress, dann Zigarette. Wir haben nichts Komplexes gemacht. Nur: Wenn das Verlangen kommt, stehen bleiben, 10 Atemzüge, nichts tun. Er kam zurück: Ich habe trotzdem geraucht. Aber später. Was ist in den 10 Atemzügen passiert? Er: Erst Druck. Dann wurde es ein bisschen ruhiger. Eine Woche später: Einmal habe ich die 10 Atemzüge gemacht und dann einfach keine Zigarette gebraucht. Kein kompletter Stopp. Aber zum ersten Mal hat er erlebt: Ich kann das Ding kommen und gehen lassen, ohne sofort zu handeln. Das ist der Kern von MBRP.“

Achtsamkeit ist kein spirituelles Konzept für Männer, die Yoga machen. Es ist ein pragmatisches Werkzeug für jeden, der einen Impuls hat und lernen will, ihm nicht sofort zu folgen. Es erfordert keine Meditation. Keine App. Keine besondere Haltung. Nur die Bereitschaft, zehn Atemzüge lang bei dem zu bleiben, was da ist. Das ist alles. Und das ist genug.

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