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#3 Vom Leben therapiert: Wie 70 Jahre Leben mehr heilen als jede Therapie

Episode 3·Von Christian Strunk·Gast: Nicc Wischnewski··52 Min.

Nicc Wischnewski ist 70 Jahre alt, geboren in Buenos Aires, aufgewachsen in Ostfriesland, zwölf Jahre in Ägypten gelebt, statistisch alle anderthalb Jahre umgezogen. Drei Berufe gelernt, über zehn ausgeführt. Motorradladen eröffnet und wieder zugemacht. LKW gefahren durch ganz Europa ohne GPS, ohne Handy, ohne Google Maps. Kein Coaching. Keine Therapie. Und trotzdem eine innere Klarheit und Ruhe, die viele Männer halb so alt nach Jahren der Selbstoptimierung noch suchen.

In dieser Episode spreche ich mit einem Mann, der zeigt, dass Selbstvertrauen nicht aus Büchern kommt, sondern aus dem Leben selbst. Wir sprechen über den Moment, in dem er sich neben seinem Bett stehen sah und zu sich selbst sagte: „Es ist okay.“ Über die Prägung durch Eltern und warum das Gegenteil von ihren Werten auch kein eigener Weg ist. Und darüber, warum innere Zufriedenheit die Voraussetzung für äußeren Erfolg ist, nicht umgekehrt. Wenn du spürst, dass unter deinem Funktionieren etwas wartet, findest du im Artikel über emotionale Klarheit einen verwandten Zugang.

Auf einen Blick

Selbstvertrauen baust du nicht durch Affirmationen auf, sondern durch Erfahrung. Jede Krise, die du überlebst, zeigt dir: Du kommst da durch. Und dieses Wissen trägt dich weiter als jede Methode.

Innere Zufriedenheit kommt vor äußerem Erfolg. Nicht umgekehrt. Wer innerlich ruhig ist, hat die Stärke, im Außen entspannt zu handeln. Wer nur im Außen baut, bleibt leer.

Das Gegenteil deiner Eltern ist nicht dein eigener Weg. Ablehnung ist eine Reaktion, kein Kompass. Freiheit beginnt, wenn du anerkennst: Sie haben ihr Bestes getan. Sie konnten es nicht besser.

Schmerz zulassen macht dich stärker, nicht schwächer. Nicc beschreibt den Moment, in dem er sich erlaubte zu weinen. Danach konnte er alle Emotionen als das nehmen, was sie sind: endlich. Sie kommen und gehen.

Der Auftrag des Lebens ist: Lebe. Nicht plane. Nicht optimiere. Nicht funktioniere. Lebe. Mach Dinge. Fang neu an. Komm durch. Das ist der ganze Sinn.

Worum es in dieser Episode geht

Nicc Wischnewski hat nie einen Coach bezahlt oder eine Therapie gemacht. Was er stattdessen gemacht hat: gelebt. Einen Motorradladen aufgemacht und wieder zugemacht, als es nicht mehr passte. Mit dem LKW durch Europa gefahren und sich in Neapel dreieinhalb Stunden verfahren, weil er die Karte falsch gelesen hatte. Und jedes Mal festgestellt: Ich bin durchgekommen. Dieses Durchkommen, immer wieder, hat sein Selbstvertrauen aufgebaut. Nicht ein Buch. Nicht eine Methode. Das Leben selbst.

Das Gespräch geht an einen Ort, der überraschend tief ist. Nicc erzählt von einem Moment Ende 20, in dem er fix und fertig auf seinem Bett lag und weinte. Zum ersten Mal. Und dann sah er sich selbst neben dem Bett stehen. Und dieser andere er sagte: „Es ist okay. Du hast allen Grund, traurig zu sein. Lebe es aus.“ Dieser Moment war der Wendepunkt. Danach konnte er alle Emotionen zulassen, weil er wusste: Sie sind endlich. Sie kommen und gehen. Im Guten wie im Schlechten.

Im Kontakt mit Männern sehe ich genau dieses Muster: Die Angst, dass der Schmerz dich zerreißt, wenn du ihn zulässt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Den Schmerz die ganze Zeit mit dir rumzutragen ist viel zerstörerischer, als ihn einmal voll zu fühlen. Nicc hat das ohne Fachbegriffe und ohne Theorie verstanden. Einfach durch Leben. Wer spürt, dass Leistungsdruck ihn antreibt statt innere Klarheit, findet in Niccs Geschichte einen anderen Zugang.

Besonders eindrucksvoll ist das Gespräch über Familie. Nicc hat jahrzehntelang versucht, seinen Vater zu beeindrucken, der ihn ab dem Alter von zehn ablehnte. Mit Mitte 40 wurde ihm klar, wen er da eigentlich versuchte zu beeindrucken. Und mit Ende 20 erkannte er: Das Gegenteil der elterlichen Werte ist auch kein eigener Weg. Freiheit begann für ihn mit einem Satz: „Sie haben ihr Bestes getan. Sie konnten es nicht besser.“

Über Nicc Wischnewski

Nicc Wischnewski ist 70 Jahre alt, geboren in Buenos Aires, Argentinien, als Kind deutscher Eltern. Aufgewachsen in Ostfriesland, gelebt in Freiburg, verschiedenen Städten Deutschlands und zwölf Jahre in Ägypten. Er hat drei Berufe mit Abschluss gelernt (Bauzeichner, Betriebsschlosser, Groß- und Außenhandelskaufmann), aber nie in diesen Berufen gearbeitet, sondern über zehn andere ausgeübt. Er hatte einen Motorradladen, fuhr LKW durch ganz Europa und ist statistisch alle anderthalb Jahre umgezogen. Nicc lebt heute mit seinen Hunden und beschreibt sich als jemand, der das Leben als einzigen Auftrag sieht.

Themen in dieser Episode

Links und Ressourcen

Wenn du spürst, dass du seit Jahren funktionierst, ohne wirklich zu leben, zeigt dir der Artikel über Entscheidungen treffen lernen warum der erste Schritt nicht eine neue Methode ist, sondern das Annehmen dessen, was ist.

Häufig gestellte Fragen

Brauche ich Coaching oder Therapie, um mich weiterzuentwickeln?

Nicht zwingend. Was du brauchst, ist die Bereitschaft, dein Leben ehrlich anzuschauen und den Schmerz zuzulassen, der darin steckt. Coaching und Therapie können diesen Prozess begleiten und beschleunigen. Aber die eigentliche Arbeit passiert im Leben selbst: durch Erfahrungen, Neuanfänge, Scheitern und das Zulassen von Gefühlen. Nicc Wischnewski zeigt in dieser Episode, dass 70 Jahre bewusstes Leben eine eigene Form der Heilung sind.

Wie baue ich echtes Selbstvertrauen auf?

Selbstvertrauen bedeutet wörtlich: dir selbst vertrauen. Du baust es auf, indem du Dinge tust, vor denen du Angst hast, und dann feststellst, dass du sie überlebt hast. Nicht durch Affirmationen oder Motivationsvideos. Sondern durch Erfahrung. Jeder Umzug, jeder Neuanfang, jede überstandene Krise zeigt dir: Du kommst da durch. Und dieses Wissen trägt dich weiter als jede Technik.

Wie löse ich mich von den Erwartungen meiner Eltern?

Der erste Schritt ist zu erkennen, dass das Gegenteil deiner Eltern auch nicht dein eigener Weg ist. Viele Männer lehnen die Werte ihrer Eltern ab und tun dann einfach das Gegenteil, ohne zu merken, dass auch das eine Reaktion ist und kein eigener Weg. Der Wendepunkt kommt, wenn du anerkennst: Sie haben ihr Bestes getan. Sie konnten es nicht besser. Diese Akzeptanz befreit dich, deinen eigenen Weg zu finden, ohne gegen etwas zu kämpfen.

Transkript lesen

Christian Strunk (00:03)
Du brauchst kein Coaching oder Therapie, ein erfülltes und nachhaltiges Leben zu führen. Und genau darüber spreche ich heute mit meinem lieben Gast, Nicc Wischnewski, der nicht nur 70 Jahre Lebenserfahrung hat, also doppelt so alt ist wie ich, sondern sehr viele Geschichten mitbringt, die dich wahrscheinlich sehr interessieren können, wenn es darum geht, wie das Leben dich prägt und wahrscheinlich auch wie viel du vom Leben bekommst, ohne etwas aktiv dafür tun zu müssen. Ich grüße dich, Nicc. Schön, dass du heute da bist.

Nicc (00:34)
Ja hallo, ich grüße dich.

Christian Strunk (00:38)
Du Nicc, will gleich damit starten. Du hast mir vor unserem Gespräch den Lebenslauf geschickt, der gigantisch lang und gigantisch tief ist. Ich würde gerne einfach mal mit der Frage anfangen, wenn du jetzt so auf dein Leben schaust, was würdest du sagen hat dem 35-jährigen Nicc vielleicht gefehlt?

Nicc (01:00)
Gefehlt, kann ich so gar nicht sagen. Also 35 war so für mich die Zeit der Konsolidierung, wo ich dann so langsam begriffen habe, dass nicht alles, was meine Eltern gesagt haben, verkehrt war. Und ich dann irgendwie, wie man so schön sagt, für mein Gesicht irgendwie selbstverantwortlich war ab der Zeit. Also der Zustand meines Gesichtes hängt eben davon ab, wie ich lebe und wie ich das Leben sehe. Und da war das so die Zeit, wo ich so ein bisschen dahinter gekommen bin, dass ich doch einiges selber dafür tun kann und für meine Einstellung einfach selber auch verantwortlich bin, wie ich das Leben sehe und was für mich wichtig ist oder wo ich Angst haben sollte. Und vielleicht wo besser nicht, wo ich einfach nur sagen kann, hey, das ist das Leben. Warum soll ich da Angst haben?

Christian Strunk (02:04)
Vor was solltest du denn Angst haben?

Nicc (02:07)
Naja, das Übliche, was du ja so mitkriegst von deinen Eltern und deinem Elternhaus und deinem Umfeld ist natürlich als erstes mal wirtschaftliche Sicherheit. Wenn du die nicht hast, Gottes Willen, wo soll das alles hinführen? Wo soll das alles enden? Mittlerweile kann ich natürlich mit mehr oder weniger Stolz sagen, jetzt bin ich 70 und ich hab's bis hierhin geschafft. Also insofern, hat das wohl doch irgendwie geklappt, was ich mir da im Kopf zurechtgelegt hatte. Ich habe irgendwann mal für mich den Spruch gefunden: Nichts ist wichtig, weil alles wichtig ist. Oder weil alles wichtig ist, ist nichts wichtig. Und wenn du das auf dein Leben projizierst und da reinguckst, dann stellst du fest, ja natürlich, in dem Moment, wo es dir passiert, sind bestimmte Sachen wichtig. Und das kann auch starke Auswirkungen haben in dem Moment. Aber je älter du wirst, irgendwann wirst du, wenn du zurückguckst, sagen, hey, ich habe sie überlebt. Mir ging es vielleicht eine Weile nicht so gut, weil ich irgendeinen Fehler gemacht habe oder weil die äußeren Umstände nicht in Ordnung waren. Aber hey, ich bin hier. Und allein diese Einstellung, sich sagen zu können, hey, ich bin hier, ich habe das gemacht, ich habe das gemanagt, ich bin damit durchgekommen. Und wenn es etwas gibt, worüber ich mich bemühe, ist nicht nur auf diesem Level zu bleiben, irgendwie durchzukommen, sondern eben sagen zu können, ich finde das gut, das hat gut geklappt, ich bin da, wo ich hin will. Wenn ich jetzt zurückgucke, sage ich, so what, das sollen wir mal erstmal nachmachen.

Christian Strunk (04:12)
Das klingt ja jetzt auch auf jeden Fall nach viel Selbstakzeptanz. Was ich so merke ist, wenn ich jetzt so auf meine Anfang 30er vor allem schaue, da war ich sehr oft mit diesem Gefühl konfrontiert, jetzt alles geregelt kriegen zu müssen. Da war immer ganz viel Leistungsdruck da, also auch der Druck von, ach ja, hier habe ich ja noch ein Thema, ach ja, da habe ich ja noch Ängste, ach da bin ich ja noch unsicher. Und das hat bei mir dazu geführt, und ich kann mir vorstellen, so geht es vielleicht auch vielen anderen Männern, dass man dann auf diese Suche geht, aber aus so einem Stressmodus und auch in so einem Lösungsmodus, der halt aus einem Mangel herauskommt. Und wir wissen ja alle, dass das nicht die beste Art und Weise ist, sich irgendwie selbst zu versorgen. Und da hilft manchmal auch nicht Therapie oder Coaching beispielsweise. Du sprichst ja jetzt natürlich aus einer anderen Erfahrung heraus und da würde mich auch nochmal einfach interessieren, was da in dir vielleicht so einen Shift ausgelöst hat, die Sachen ein bisschen entspannter zu betrachten.

Nicc (05:11)
Also erstmal, ich finde die deutsche Sprache eigentlich genial, weil sie Sachen wirklich ausdrücken kann. Ich finde das Wort Selbstvertrauen an sich schon ganz toll, weil wenn du es mal auseinander nimmst, heißt es nichts anderes als dir selbst zu vertrauen. Und wenn du das irgendwann mal für dich begriffen hast, kannst du es rausziehen aus dem, wie du lebst. Also ich kann auch sagen, ich habe das und das überstanden, kann ich mir doch wohl auch ein bisschen vertrauen. Das heißt, ich brauche schon mal nicht mehr so viel Angst zu haben, irgendwas zu machen. Ich kann einfach sagen, ich habe das jetzt bis hier geschafft, also gut, lass mal überlegen, was könnte ich denn jetzt noch so anstellen. Und das mit immer weniger Angst, weil die Erfahrung natürlich auch immer größer wird, je älter man wird, dass man es irgendwie geschafft hat. Letztendlich glaube ich, der Punkt ist auch, dass man das, was man erreichen möchte, vielleicht gar nicht mal so leicht nehmen sollte, wie es von außen erscheinen mag. Nämlich, ich habe ein Auto, habe ein Haus, habe Urlaub. Das sind die einfachen Dinge. Aber zu erreichen, dass du mit dem zufrieden bist. Da kommen wir dann eigentlich auf ein anderes Level.

Christian Strunk (06:47)
Okay, also für mich ist es jetzt gerade schon, ich finde es total krass, den Perspektivenwechsel. Viele werden sagen, für mich ist das Schwierige und das Erstrebenswerte, eine Firma aufzubauen, ein Auto zu haben, eine Frau zu haben. Das, was du sagst, und womit ich übrigens total mitgehe, das komplette Gegenteil. Das ist egal, was du hast, sei erstmal zufrieden.

Nicc (07:12)
Ja, es ist eben auch umgekehrt. Die wenigsten begreifen, dass wenn ich eine innere Zufriedenheit habe, das bringt mir so viel Stärke, dass ich die äußere eigentlich viel entspannter erschaffen kann. Weil ich ja in mir selbst Ruhe und für mich selbst mein eigenes Vertrauen mir selbst gegenüber auch habe und das bringt mir halt die Stärke und Ruhe im Außen auch zu agieren. Weil ich Sachen angehen kann, vor denen andere einfach Angst haben. Also wenn ich noch daran denke, als ich das erste Mal mich selbstständig gemacht habe mit meinem Motorradladen, da haben Freunde alle so gesagt, Gott, Gott, Gott, da bist du aber ins kalte Wasser gesprungen. Und ich hab die verständnislos angeguckt und hab gesagt, was? Ich probier halt was aus, was solls. Ich hab das Ding drei, vier, fünf Jahre gehabt und hab es dann auch wieder zugemacht, als ich für mich festgestellt habe, ne, das ist nicht meine Welt. Das macht mir nicht wirklich Spaß. Also lass ich's bleiben. Und ich hab in meinem Leben, ich weiß nicht, wie viele Sachen neu angefangen, ohne wirklich zu wissen, was es sein wird als nächstes. Es ging mir nur darum, erstmal das, wo ich war, zu verändern. Einfach zu sagen, ne das ist es nicht. Also lass mal sehen. Und das hat natürlich dann dazu geführt, ich hab drei Berufe richtig mit Schein gelernt und ausgeführt. Das war Bauzeichner, Betriebsschlosser und Groß- und Außenhandelskaufmann.

Nicc (09:04)
Und ausgeführt habe ich über zehn bestimmt. Ich habe alles Mögliche gemacht, das gar nicht direkt was mit dem Zeug zu tun hat. Oder umgekehrt zu sagen, diese drei Berufe habe ich gelernt, aber nie ausgeführt. Ich habe nie in diesen Berufen gearbeitet. Ich habe immer irgendwas anderes dann schon wieder im Kopf gehabt.

Christian Strunk (10:14)
Wobei die Frage, die ich mir gerade stelle, ist, wenn ich jetzt noch mal auf den Lebenslauf schaue, die Ausbildung und der Motorradladen, sind dir jetzt ein kleiner Einblick darin. Du warst ja auch sehr viel im Ausland gewesen. Du hast es ja auch erwähnt, du bist geboren in Argentinien. Du hast viele, viele Stationen durchlaufen. Meine Frage ist an dich, würdest du sagen, dass dieses viele Reisen und an vielen Orten sein auch dazu beigetragen hat, dass du quasi eine Form von innerer Ruhe und innerer Kraft aufbauen konntest? Weil es ja nicht allen Menschen so geht.

Nicc (10:51)
Ja, ist eine gute Frage. Ich weiß nicht, ob es so rum oder so rum ist. Ich kann natürlich sagen, weil ich eine innere Ruhe in mir trage, kann ich diesen ganzen anderen Quatsch einfach machen. Aber es kann natürlich auch sein, und das wird wohl auch so sein, dass sich das gegenseitig beeinflusst. Weil ich bestimmte Sachen gemacht habe, habe ich auch meine innere Ruhe stärken können. Aufs Wenigste, aufs Leichte, aufs Kleinste zurückgebracht ist einfach: machen. Leben besteht aus Machen. Das ist meine Einsicht. Was willst du sonst mit deinem Leben?

Christian Strunk (11:35)
Ja, das ist ja das Ding, wo ich jetzt sagen kann, so Mitte 20 war ich in so einer Phase gewesen, wo ich mich sehr eingeengt gefühlt habe. Und da war gar keine Ressource dafür zu machen. Und ich stelle immer wieder die Frage, was brauchen Menschen, die in ähnlichen Situationen sind, die gefangen sind in irgendwelche Spiralen, in Faulheit. Also das sind ja alles auch Symptome, die dich davor hindern, zu tun, was dir eigentlich gut tut. Und die Frage ist halt, wo kommt das her und was bringt mich da raus?

Nicc (12:14)
Ja gut, wir sind als Menschen der westlichen Zivilisation natürlich auf Ablenkung aus. Und es wird ja nicht weniger. Und da kann es durchaus schwierig sein, solange man einen wirtschaftlichen Status hat, der einen weiterträgt, da kann es dann durchaus schwierig sein, sich daraus zu befreien. Ich hab's eher umgekehrt gehabt. Als ich meinen Motorradladen eröffnet habe, hab ich eine tiefe Angst in mir gehabt, dass mich das auffressen wird. Du bist 24, 365 Tage im Jahr damit beschäftigt, ob du willst oder nicht. Und dann, nachdem ich den Laden zugemacht habe, bin ich in den LKW gestiegen.

Nicc (13:38)
Ich werde das nie vergessen. Ich habe in Italien, in Neapel, im dichtesten Verkehr wirklich. Und in Neapel, wenn man da sagt, dichtester Verkehr, dann glaub mir, das ist, du könntest zu Fuß alles abladen und wieder zurücklaufen, du wärst wahrscheinlich schneller. Auf jeden Fall war das so ein halbes Jahr nachdem ich den Laden zugemacht habe, stehe ich da, rote Ampel vor einem Kreisel. Und da kümmert sich kein Arsch drum. Rot heißt eigentlich nur, ja, guck mal und grün heißt, passt bloß auf. Ich komme zum Stehen und rechts neben mir hält ein LKW, ein italienischer. Wir haben beide Fenster runter. Und ich gucke so rüber und ich sehe der Typ guckt so rüber und wir beide so. Was willst du machen? This is life. Und in dem Moment, als ich dann ein bisschen weiter war, hat es mich so überkommen. Da habe ich dann wirklich begriffen, hallo, es hat mich nicht eingefangen. Die Angst, die ich hatte, was den Laden betraf und was es mit mir macht, das ist nicht passiert. Deswegen sitze ich hier. Und weil ich rausgegangen bin, bin ich hier und habe mein Selbstvertrauen gestärkt.

Nicc (15:29)
Und spätestens ab da wusste ich hundertprozentig, es ist egal was ich mache, ich werde immer rauskommen. Es wird mich nie so weit bringen, dass ich da nicht den Überblick behalte. Ganz einfach weil mir bestimmte Sachen einfach wichtig waren. Die körperlich erfahrbare Freiheit zu haben. Die mentale Freiheit zu haben. Die wirtschaftliche Freiheit.

Nicc (16:28)
Dann konnte ich mit meinem Chef eigentlich nur kommunizieren, wenn ich ein Telefon gefunden habe. Und wenn es mir danach ging, dann hatte ich vielleicht gar keine Lust, eins zu finden. Das war so die Welt damals. Und der hatte keine Chance, der konnte mich nicht erreichen. Kein Stück. Ich war wochenlang unterwegs. Irgendwo Süditalien, im Osten bis in Russland und oben Norwegen. Was wollte der machen? Nichts, hatte keine Chance.

Christian Strunk (17:02)
Ja, das ist sehr spannend. Zu der Zeit, ich kenne diese Geschichten auch von meinem Vater. Früher war alles wirklich eine ganze Ecke langsamer einfach auch gewesen. Und es war viel mehr Vertrauensbasis auch da. Was ich dann so höre, wenn ich diese Geschichten jetzt auch von dir höre, dass da ja scheinbar auch ganz schön viel Intuition war. Zufälle, Intuition, göttliche Gaben, nenn es wie du willst. Und ich glaube, dass diese Magie in der heutigen Zeit immer noch da ist, aber dass da viel weniger Bezug zu herrscht.

Nicc (18:19)
Ja, ist ja auch nicht nötig. Wenn wir schon mal dabei sind mit der LKW-Fahrerei. Ich konnte mir den Weg zu noch nicht bekannten Lade- oder Abladestellen ja nur auf der Karte raussuchen. Und das hat zum Beispiel so Kleinigkeiten gebracht wie Paris. Paris mit 38 Tonnen. Das ist an sich schon witzig. Wenn du es tatsächlich schaffst, eine Einbahnstraße falsch zu interpretieren auf deiner Karte, dann kann das sein, dass du irgendwo in eine andere Richtung fährst. Mein Rekord waren 3,5 Stunden statt einer halben auf dem Weg dahin, wo ich hin wollte. In Paris. Einfach kreuz und quer durchgegangen und ich konnte kein Französisch. Dann kannst du nur deinen Frachtauftrag nehmen und dem das vor die Nase halten. Aber dann fängt er an auf Französisch dir zu erklären, wie du dahin kommst. Das sind aber Sachen, die dein Selbstvertrauen stärken. Dass du sagst, ich bin da hingekommen.

Nicc (20:19)
Und da muss ich leider sagen, in der heutigen Zeit ist es sicherlich schwieriger, sowas zu erreichen. Du kannst halt Google fragen, kannst Google Maps benutzen. Und das Ding führt dich dahin. Du musst noch nicht mal Karten lesen können. Das sind einfach Sachen, die sich von außen so verändert haben, dass sie dir so viel abgenommen haben. Genauso wie, ich hatte früher bestimmt 30 oder 40 Telefonnummern im Kopf. Das ist vorbei. Und das ist in vielen Bereichen mittlerweile so, wo dir dann einfach deine Selbstständigkeit aus der Hand genommen wird.

Christian Strunk (21:14)
Die Technik macht uns an vielen Stellen auch das Leben leichter. Aber was ich halt spannend finde, gerade wenn es diese zwischenmenschlichen Geschichten geht, da würde mich auch interessieren, was du da so in deinen Jahren mitnehmen durftest, wenn es darum geht, ein Gefühl für jemanden zu entwickeln oder auch das Thema Werte. Was ist mir in einer Freundschaft wichtig? Ich hab die Idee, dass das in der heutigen Zeit alles viel schnelllebiger geworden ist und man viel schneller aussortiert, ohne einem Menschen überhaupt die Chance zu geben, eine Verbindung aufzubauen.

Nicc (21:58)
Ich habe mal eine Zeit in Freiburg gewohnt. Und ich habe festgestellt, dass ich zwar Freunde dort finden konnte. Aber auf einem Niveau, das war mir eigentlich zu flach. Und dann ist mir aufgefallen, dass Menschen, die von Norddeutschland nach Süddeutschland gezogen sind, so gut wie alle wieder nach Hause gegangen sind. Leute, die von Süddeutschland nach Norddeutschland gezogen sind, sind in den meisten Fällen oben geblieben. Das, was man den Norddeutschen so vorwirft, dass sie Distanz einfordern, das ist sofort durchbrochen, wenn du denen menschlich kommst. Und ab dem Moment bist du Teil der Umwelt dieser Menschen. In Süddeutschland, in Freiburg, umgeben von Weinbergen, im Herbst, kunterbunt. In Ostfriesland gibt es 18 verschiedene Grüntöne auf 4 Jahreszeiten verteilt. In Süddeutschland, warum soll ich mich darum kümmern? Das ist ja alles bunt. In Norddeutschland, da musst du danach suchen, wenn du was Schönes haben willst. Und das verändert eine Grundeinstellung im Leben. Du bleibst bei dem, was du hast. Aber wenn dir was Schönes kommt, das ist selten genug, dann nimmst du das an.

Christian Strunk (25:12)
Was ich auf jeden Fall auch festgestellt habe, mich hat es ja irgendwann auch weggezogen aus Bayern, weil ich die Idee habe, dass es da halt sehr konservativ zugeht. Und auch was die Tiefe von Freundschaft angeht, ursprünglich komme ich aus der Nähe von Köln und ich kann dir sagen, die Kölner, die Rheinländer sind sehr offen, aber da ist es so, am nächsten Tag erinnert sich jeder an deinen Namen, und wenn du sagst, hey, ich muss morgen eine neue Garage bauen, dann kommt aber auch wirklich der Großteil der Truppe. Und das ist schon eine Sache, die ich sehr schätze. Und die Qualität der Freundschaften, die ich hier in Berlin habe, die ist überhaupt gar nicht zu vergleichen mit denen, die ich im Süden hatte.

Christian Strunk (26:32)
Ich brauche Menschen, die genauso ticken wie ich und nicht Menschen, die mich runterziehen. Als ich damals gesagt habe, ich mache mich selbstständig als Berater in der Tech-Branche, haben gesagt, Gottes willen, das war ja im Januar 2020, kurz vor Corona. Und jetzt rückwirkend kann ich auch sagen, das war nicht leicht, es hat mich stärker gemacht. Ich habe es trotzdem geschafft und das war eines der wichtigsten Schritte in meiner persönlichen Entwicklung.

Christian Strunk (27:10)
Und mich würde einfach auch noch mal interessieren, weil du meintest, es gab ja diese Leute, die dann so geschockt auf dich reagiert haben. Da war wahrscheinlich auch Familie mit dabei. Wie ist denn so deine Einstellung zu dem ganzen Thema Familie? Also der Einfluss der Eltern?

Nicc (27:27)
Da bin ich ein bisschen gebranntes Kind. Mein Vater war eigentlich seit ich 10 war oder so für mich nicht mehr existent, weil ich ihm zu selbstständig geworden war. Er hat mich dann praktisch nur noch abgelehnt und alles, egal was ich gemacht habe, war nicht genug oder es war nicht gut. Meine Mutter war deswegen nicht existent, weil sie diejenige war, die die Familie am Leben gehalten hat finanziell. Die hat gearbeitet. Das hat natürlich dazu geführt, dass ich jahrelang, wenn nicht sogar jahrzehntelang versucht habe, jemanden zu beeindrucken. Als ich Mitte 40 war, war mir auch endlich klar geworden, wen ich da versuchte zu beeindrucken. Nämlich natürlich meinen Vater, der mich aber nicht beeindrucken ließ.

Nicc (29:10)
Aufgewachsen in Ostfriesland im Norden. Das ist tatsächlich eine Stadt, so heißt. Das waren damals 15.000 Einwohner. Und was mich da geprägt hat, ist sicherlich, hey, ich war acht Jahre alt und bin in die Grundschule gekommen. Und da war ich die Ausnahme natürlich. Anfang der 60er, ein Ausländer in einem 15.000 Einwohner Ort. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen. Ich hatte zu der Zeit noch das spanische R noch so richtig schön drauf. Und das fanden die alle witzig. Deswegen wollten die immer, dass ich irgendwas Spanisches sage. Und das hat mich natürlich dazu gebracht, auf gar keinen Fall mehr Spanisch zu sprechen. Weil in dem Alter willst du nur dazugehören. Das sind natürlich dann Erfahrungen, die einen auch erstmal prägen, festzustellen, dass man der Außenseiter ist.

Nicc (31:11)
Das ist auch eine Sache, die einen prägen kann. Und die hat natürlich dazu geführt, dass ich von Anfang an nur sehr wenige Freunde hatte. Was andererseits die Freundschaften dann doch recht intensiv machte.

Nicc (31:43)
Ich bin in meinem Leben statistisch gesehen alle anderthalb Jahre umgezogen. Von Geburt an.

Christian Strunk (31:58)
Okay, wow. Bis heute?

Nicc (32:02)
Ne, da hat Ägypten dann doch ne ziemliche Schneise gehauen. Da war ich zwölf Jahre am Stück in einem Haus. Das war ein absolutes Neuland. Tatsächlich. Und da war ich schon über 50. Das hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht.

Christian Strunk (32:49)
Ich stelle mir gerade die Frage, wenn du nochmal so zurückschaust, vor allem auf die Zeit von 12 bis Anfang 50 bis nach Ägypten, was würdest du denn sagen hat dir das Umziehen am meisten gegeben?

Nicc (33:04)
Möglichkeiten. Vielleicht so ein bisschen der Drang aus dem Alten rauszukommen, irgendwie wieder was Neues zu probieren und natürlich auch so eine Art Neuanfang. Das ist ja das, was wir eigentlich immer als Hemmschuh mit uns rumtragen. Sollten wir uns nämlich verändern, innerlich, dann ist unser Umfeld immer noch dasselbe. Und die oftmals können das gar nicht verstehen, dass man sich verändert hat. Wenn du jetzt aber umziehst, dann fängt alles von vorn an. Die müssen dich alle neu kennenlernen, aber die lernen dich halt kennen, nachdem du dich verändert hast. Das heißt, du kannst mit dem, was du neu erreicht hast, dein neues Umfeld aufbauen.

Christian Strunk (34:42)
Die Umkehrfrage, die ich mir stelle, wäre, was am anstrengendsten war oder was dir am wenigsten gegeben hat, wenn du zurückschaust aufs ganze Umziehen.

Nicc (35:03)
Weiß ich gar nicht. Also ich kann eigentlich nur sagen, ich habe es immer als positiv empfunden. Und das ist vielleicht das, was mich auch ein Stück weit ausmacht: Neuanfänge kann ich gut.

Christian Strunk (35:20)
Es gibt ja auch Menschen, die sagen, wir mussten als Kinder ständig umziehen, das war total schlimm für mich, weil ich nie ein Zuhause hatte. Und wenn ich dich jetzt richtig höre, dann sagst du, hey, für dich war das immer die Chance, nochmal von vorne zu starten.

Nicc (35:40)
Ja, natürlich. Nicht nur, aber eben auch.

Christian Strunk (35:51)
Gibt es da auch einen Anteil von Flucht?

Nicc (35:55)
Ist mir selber nie so bewusst geworden und wenn ich so zurück gucke... Nee, es war eigentlich immer eher so, dass ich irgendwo hin wollte, nicht dass ich irgendwo weg wollte.

Christian Strunk (36:09)
Das Spannende ist ja auch in der heutigen Zeit, es gibt ja gewisse Weltbilder und gesellschaftlich geprägte Ideologien, die sagen, wie ein Mensch zu sein hat. Dieses typische Schubladendenken. Und was ich gerade total schön finde, ist, in der Unterhaltung mit dir einfach auch nochmal diese Erfahrung wahrzunehmen, hey, ich hab mein Leben so gelebt, wie ich das gefühlt habe und zwar aus einem Drang heraus Dinge zu machen, zu etwas hin zu wollen. Und mir ist dabei egal was andere denken. Das darf ja auch sein, zum gewissen Grad. Nur es darf halt nicht alles sein, es darf nicht das Ende der Geschichte sein.

Nicc (37:01)
Vor allem dann wirklich auch zu sagen, es muss irgendwann einen Punkt geben, an dem ich mich davon befreie, was das Bild meiner Eltern angeht. Und das habe ich jetzt in der Konsolidierungsphase Ende 20, Anfang 30, einfach wirklich zu sagen, okay, ich habe jetzt die Kraft zu sagen, da hatten sie Recht. Vorher ist nur Ablehnung womöglich. Also das war bei mir so. Ich habe meine Eltern und das, was sie vertreten haben, ab 12, 13 habe ich das abgelehnt. Durch die Bank weg. In dem Alter tut man das vielleicht auch einfach, weil man mehr dem Gefühl, dem Leben entgegengeht, als gedacht. Und irgendwann kommt der Punkt, wo du das Leben auch ein bisschen erfahren hast und musst dann feststellen, naja, bei dem einen oder anderen hatten die dann schon recht. Und das zu akzeptieren, da habe ich dann aber begriffen, es gibt keinen Grund, meine Eltern abzulehnen. Ich kann ablehnen, was sie vertreten, wie man leben sollte. Aber meine Eltern haben ihr Bestes getan mir gegenüber. Dass das nicht gut war, ist eine andere Geschichte. Aber sie haben ihr Bestes getan.

Nicc (38:39)
Und das beruhigt. Also mich jedenfalls hat das ziemlich beruhigt, festzustellen, hey, die wollten mir ja nichts Böses, die konnten es nur nicht besser. Und das ist dann die Chance, bei mir zu sehen und zu sagen, ich glaube, ich könnte es besser. Und dann einfach mal in die Richtung zu denken, was kann ich denn tun, um es besser zu machen?

Christian Strunk (39:03)
Es gibt ja sicherlich einige Menschen, die noch in dem Modus sind, abzulehnen oder negativ auf die Familie zu schauen. Was wäre denn dein Feedback, das du den Leuten geben würdest?

Nicc (39:22)
Da mach ich mich bestimmt sofort bei einigen Leuten unbeliebt. Respekt. Und zwar einfach Respekt. Die wussten es nicht besser. Sie haben es gar nicht versucht, irgendwas Schlechtes zu wollen. Im Gegenteil, die haben wirklich ihr Bestes getan. Sie haben nur irgendwo nie die Ebene erreicht, in der es vielleicht dann auch mal zu den Gedanken gekommen wäre, ist das jetzt wirklich gut für das Kind? Die meisten haben so ihre eigenen Geschichten im Kopf, wollen die verändert wissen und sehen das im Kind und wollen, dass das Kind das anders macht. Und das ist natürlich eine Zwangssituation für das Kind.

Nicc (40:22)
Ende 20, ich glaube so 28 oder so, da habe ich halt so eine Situation für mich erlebt, in der ich wirklich mit mir gekämpft habe. Zu sagen, wohin hat mich das eigentlich geführt, was meine Eltern von mir wollten. Und dann festzustellen, es hat mich dahin geführt, dass ich versucht habe, das Gegenteil zu erreichen. Und das war auch nicht gut. Weil das Gegenteil ist nicht unbedingt immer das Bessere. Ein eigener Weg hat nichts wirklich mit dem Gegenteil zu tun. Das ist einfach nur eine Reaktion. Ich bin dagegen, basta!

Nicc (41:32)
Und Ende 20 bin ich dann langsam mal dahinter gekommen. Da sind mir Sachen passiert, wo ich dann fix und fertig und alle war mit meiner Gesamtsituation. Und lag auf meinem Bett fix und fertig. Wirklich fix und fertig. Und hab geheult und dann plötzlich hab ich mich neben mir am Bett stehen sehen. Und der da stand, der hat gesagt, ey, ist okay. Das ist gut. Du hast allen Grund jetzt traurig zu sein. Weil deine Situation ist nicht schön. Im Gegenteil. Du kämpfst immer noch mit deinen Strukturen, die deine Eltern dir eingetrichtert haben. Mit den neuen kommst du nicht klar, weil du noch gar keine wirkliche hast. Wirtschaftliche Situation sieht dementsprechend aus. Und ja, du hast keine Freundin und es ist einfach nur Scheiße. Hallo? Du hast allen Grund traurig zu sein. Lebe es aus.

Nicc (43:18)
Das war der Moment für mich. Leb es aus. Und das hat mich dazu geführt, wenn du es zulässt, dass das was dich wirklich gerade betrifft es auch wirklich tut und du es hinnimmst, sind wir wieder beim Selbstvertrauen. Dann wirst du feststellen, dass du aus diesem tiefen Tal auch rauskommst. Und wenn du das schaffst, kommst du stärker wieder raus. Das ist ganz einfach. Und das war so die Lehre, die ich daraus gezogen habe. Und dann plötzlich mich selbst daneben stehen zu haben und sagen, hey, ist okay. Und das hat mich wieder dazu gebracht, alles, was ich an Emotionen für mich kriege, von außen oder von innen, einfach auszuleben, weil ich weiß, die sind endlich. Es ist in diesem Moment hart oder gut oder schön, aber das ist eben endlich. Es wird übermorgen, spätestens schon wieder vorbei sein. Im Guten wie im Schlechten.

Nicc (44:53)
Wie viele kommen zu Coachings oder Therapiesitzungen, weil sie es leisten können. Und dann kommen Sachen raus, die wirklich nichts mit einem schönen Leben zu tun haben. Da sind wir wieder bei der Frage, wie sehr lässt du dich treiben? Viele erfolgreiche Leute sind Getriebene. Das ist gar nicht ihr eigener Erfolg. Den Erfolg haben sie nur, weil sie nicht anders können.

Christian Strunk (45:31)
Das klingt immer total toll, Facebook-Gründer oder Amazon-Gründer zu sein. Und natürlich würde ich das Geld nehmen, aber die Frage ist halt, welchen Preis zahlst du dafür? Ich hab ja selber in einem Modus gelebt, wo ich gearbeitet hab und auf irgendetwas versucht habe hinzuarbeiten und zu merken, das ist gar nicht mein Weg. Und ich halte hier an etwas fest, das nicht meins ist. Und ich muss gestehen, dass sich das erst vor ein paar Monaten wieder weiterentwickelt hat in mir zu merken, alles was mit Technik und KI und Tech zu tun hat, wo ich jahrelang drin gearbeitet habe, das ist schön, aber das hat für mich keine Zukunft. Und die Frage ist, auf was will ich mich konzentrieren? Und ich merke halt, genau jetzt diesen Shift zu machen hin zur Arbeit mit Menschen und zum Austausch mit Menschen ist genau der Richtige.

Christian Strunk (46:57)
Ich habe die Qualität Menschen zusammenzubringen und hey, warum darf ich die nicht ausleben? Und ich finde das mit dem Ausleben, was du sagst, einfach wunderschön und ich habe diese Momente auch gehabt, in denen ich festgestellt habe, es ist erstmal wichtig, diesen Schmerz, diese tiefe Verletzung und diese großen Sorgen anzuerkennen. Und diese Kraft, die ich immer hatte, war, wenn ich da nur in die Nähe von komme, dann zerreißt es mich. Aber de facto ist es das Gegenteil der Fall. Weil heulen dauert eine Stunde oder zwei oder fünf Minuten. Nur danach bist du stärker. Aber das die ganze Zeit mit dir rumzutragen, das ist viel schmerzhafter.

Nicc (47:52)
Glaub mir, ich hab auch so meine Wege, was das angeht. Jetzt eben wegen meiner Frau, die halt gestorben ist. Das ist jetzt mittlerweile fünf Jahre her. Und trotzdem hab ich es jetzt erst geschafft, so seit einem halben Jahr wirklich sagen zu können, ich schau nicht mehr in Trauer zurück, sondern nur in Freude darüber, dass ich die Zeit haben durfte. Und das hat wirklich vier Jahre gedauert. Aber gleichzeitig habe ich es von Anfang an auch wirklich einfach so zugelassen. Wirklich zu sagen, alles das mitzumachen, was da drin steckt. Und das ist nicht wenig. Das ist wirklich eine Geschichte, die das Leben beeinflusst. Und zwar mächtig. Du bist froh, dass du so einen Hund hast, für den du eine Verantwortung hast. Weil sonst würdest du auf ganz andere Gedanken kommen.

Nicc (49:12)
Aber selbst nach dieser Zeit, es hat es auch mal wieder gezeigt. Es ist endlich. Du findest immer, das Leben findet immer einen Weg, dir klar zu machen, dass es eigentlich der Sinn ist. Du bist da, weil du lebst und du lebst, weil du da bist. Mach es. Lebe. Ich schreibe oftmals, wenn ich mit Leuten zu tun habe, die mich noch nicht so kennen, dann unten drunter: Viel Spaß beim Leben. Und Leben nur in Großbuchstaben. Weil das ist wichtig. Das ist für mich wichtig. Leben. Was anderes kann ja gar nicht wichtig sein.

Christian Strunk (50:07)
Ich bin gerade sehr berührt. Und ich finde auch, das ist so ein gutes Schlusswort eigentlich schon. Einfach den Menschen mitzugeben: Leben. Darum sind wir hier.

Nicc (50:25)
Die Frage ergibt sich gar nicht. Weil wir da sind. Und wenn wir von einem Auftrag sprechen wollen, dann ist es: Lebe. Es gab in einer Zeit, wo Yoko Ono und ihr lieber Mann noch zusammen lebten, die Geschichte, wie die sich kennengelernt haben. Sie hat ihm eine Karte gegeben, auf der nur ein Wort stand. Breathe. Atme. Und das kann man sich vielleicht selber mal vor Augen führen. Einfach sich mal wieder bewusst damit auseinanderzusetzen. Die Wissenschaft kommt immer mehr dahin, festzustellen, dass das Herz ein zweites Gehirn ist. Warum wohl?

Christian Strunk (51:59)
Schreib's dir auf: Atme. Und Lebe. Damit können wir es belassen. Vielen Dank, dass du da warst, Nicc.

Nicc (52:10)
Ich bin, glaube ich, morgen auch noch da. Okay. Soweit. Danke. Tschüss.

Du spürst, dass du dich im Kreis drehst?

Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam hin. Kein Schema, kein schneller Fix. Ein ehrliches Gespräch darüber, was dich wirklich bewegt und was der nächste Schritt sein könnte.