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#7 Gefühle integrieren statt wegregulieren

Von Christian Strunk·Gast: Andreas Teichrib··47 Min.

Was, wenn der Unterschied zwischen Reguliertsein und wirklich Frei-Sein nur in einer einzigen Bewegung steckt, der du dich seit Jahren in den Weg stellst? Andreas Teichrib hat in den letzten zehn Jahren mit über 2000 Menschen körperorientiert gearbeitet. Sein Ansatz ist klar: Nichts wegmachen wollen. Bei dem bleiben, was unangenehm ist. Der Welle erlauben, durchzubrechen. Erst dann beginnt das, was er Verdauen nennt.

In dieser siebten Episode von Tiefgang sprechen Andreas und ich über die Meisterfrage, die viele Männer nicht stellen: Wie verdaue ich Gefühle, statt sie immer nur zu regulieren? Wir reden über Körper, Welle, Pendeln, Spirit, Symptome. Und über den Mut, sich helfen zu lassen, wenn alleine nicht mehr reicht. Wenn du dich gerade mit deinen Gefühlen herumschlägst, ist dieses Gespräch ein guter Einstieg.

Auf einen Blick

Verdauen heißt nichts wegmachen wollen. Sobald du gegen das bist, was auftaucht, hält der Körper es fest. Erst die Erlaubnis, da zu sein, lässt die Welle entstehen.

Überwältigung kommt vom Festhalten, nicht vom Loslassen. Spannungsmuster im Nacken, Bauch und Schultern sind die eigentliche Last. Wer das spürt, kann gezielt loslassen.

Regulieren ist ein Quick Fix. Verdauen ist nachhaltige Freiheit. Beides hat seinen Platz. Aber wer nur reguliert, hört auf zu integrieren.

Pendeln statt Vollgas. In der Trauma-Arbeit lernst du, in kleinen Dosen in die Intensität zu gehen und wieder raus. Handlungsfähig bleiben statt geflutet werden.

Symptome sind oft ungefühlte Emotionen. Reizdarm, Verspannungen, Entzündungen verschwinden bei vielen, wenn der dahinterliegende Konflikt endlich Ausdruck bekommt.

Worum es in dieser Episode geht

Andreas Teichrib begleitet Menschen körperorientiert. Bodywork, Atemreisen, dreieinhalbtägige Intensivworkshops. Sein zentrales Bild ist die Welle. Eine Emotion taucht auf, steigt an, hat einen Höhepunkt, klingt ab. Wenn du sie wirklich erlaubst, fließt sie durch dich hindurch. Tränen, Zittern, vielleicht ein Schrei. Und danach ist etwas anders. Der Körper hat verdaut. Die meisten Männer kennen diese Erfahrung nicht, weil sie früh gelernt haben, gegen die Welle zu sein.

Wir sprechen darüber, wie er selbst gerade durch eine schwierige Phase geht. Über Vermeidungsmuster, mehr Screentime, weniger Spüren. Über die Rolle, die Gebet in seinem Leben spielt, nicht religiös, sondern als klare Anweisung an Spirit, dass jetzt etwas durch darf. Und über den einfachen, aber harten Schritt: Bei dem bleiben, was unangenehm ist. Emotionen unterdrücken ist die Default-Strategie, die uns als Männer beigebracht wurde. Verdauen ist die Gegenbewegung.

Im Kontakt mit Männern sehe ich dieses Muster ständig: Männer, die Nervensystemregulation gelernt haben, weil das gerade in jedem zweiten Kanal läuft, und gleichzeitig nichts integrieren. Andreas bringt eine wichtige Unterscheidung: Regulieren ist ein Werkzeug, kein Lebensweg. Wer dauerhaft reguliert, vermeidet. Wer verdauen will, muss sich Zeit nehmen, Hilfe holen und sich auf Intensität einlassen. Mehr darüber, was passiert, wenn der Körper spricht und der Kopf nicht mehr ausreicht, im verlinkten Artikel.

Am Ende der Episode wird es persönlich. Auf die Frage, was der Andreas von vor zehn Jahren am meisten gebraucht hätte, kommt eine klare Antwort: den Mut, wirklich um Hilfe zu fragen. Den Panzer ablegen. Sich halten lassen. Spüren, wie viel Angst da eigentlich ist. Und sich erlauben zu zittern. Diese Antwort ist kein Ratschlag. Sie ist eine Einladung.

Über Andreas Teichrib

Andreas Teichrib ist Bodyworker, Atemreise- und Workshopleiter mit Sitz in Deutschland. In über zehn Jahren hat er mit mehr als 2000 Menschen körperorientiert gearbeitet. Seine Schwerpunkte sind verbundenes Atmen, dreieinhalbtägige Intensivbegleitungen und Gruppen-Retreats. Mehr zu seinem Angebot auf andreasteichrib.com.

Themen in dieser Episode

Links und Ressourcen

Wenn du merkst, dass du seit Jahren regulierst, ohne wirklich zu verdauen, dann lies auch den Artikel Emotionale Klarheit als Männerkompetenz. Das ist die nächste Schicht.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Regulieren und Verdauen?

Regulieren bedeutet, die Intensität einer Emotion runterzufahren, damit du im Alltag handlungsfähig bleibst. Es ist ein Quick Fix und manchmal notwendig. Verdauen heißt, die Welle wirklich durch dich hindurch fließen zu lassen, statt sie wegzudrücken. Das kostet mehr Zeit und ist unangenehmer, führt aber zu nachhaltiger Freiheit. Wer nur reguliert, vermeidet langfristig. Wer verdaut, integriert.

Wie lasse ich Emotionen körperlich los, ohne überwältigt zu werden?

Indem du lernst zu spüren, wo du im Körper festhältst. Überwältigung kommt meistens nicht vom Loslassen, sondern vom Festhalten. Spannungen im Nacken, Bauch oder in den Schultern sind Hinweise. Wenn du den Atem da hin lenkst und die Spannung losgehen lässt, kann die Welle durchbrechen. In der Trauma-Arbeit nennt man das Pendeln: kurz rein, kurz raus, in kleinen Dosen lernen, dass du handlungsfähig bleibst.

Warum heilt Körperarbeit, was reines Reden nicht erreicht?

Trauma sitzt im Körper, nicht im Kopf. Eine Bewegung, die im Schock nicht zu Ende gegangen ist, will abgeschlossen werden. Reden allein erreicht diese Schicht nicht. Körperarbeit gibt dem Nervensystem die Erfahrung, dass es jetzt sicher ist, die Bewegung zu vollenden. Tränen, Zittern, Schreien sind keine Symptome. Sie sind die Verdauung selbst.

Transkript lesen

Christian (00:00)
Wie du Gefühle integrierst und verdaust, ist die Meisterfrage, mit der ich heute mit Andreas Teichrib spreche. Schön, dass du da bist. Wir hatten schon eine spannende Vorbesprechung zum Thema Selbstständigkeit, Existenzängste und was damit alles einhergeht. Existenzängste, Trauer, Trennungsschmerz. Du hast dich in deiner Arbeit darauf fokussiert, schon mit über 2000 Menschen, regelmäßig körperorientiert zu schauen, was da eigentlich vorgeht und wie man das Ganze verdaut bekommt. Ich finde den Begriff Verdauen so schön und würde gerne mit dir einsteigen. Wie verdaust du deine Emotionen?

Andreas (00:45)
Wow, große Frage. Das Wichtigste, was ich in den letzten zehn Jahren lernen durfte, ist das Verständnis: Ich versuche nichts zu verändern. In dem Moment, wo ich das, was auftaucht, verändern will, bin ich schon dagegen. Wenn ich mir aber erlaube, das, was gerade da ist, da sein zu lassen, egal wie unangenehm, wenn ich nicht wegschiebe, sondern damit präsent bin, dann passiert in der Regel Folgendes: Eine Welle taucht auf. Sie hat einen Anstieg, einen Höhepunkt, einen Abklang. Sie kann klein sein oder riesig. Aber ich erlaube sie. Mein Körper darf sich bewegen. Tränen fließen. Vielleicht muss ich schreien. Vielleicht weine ich einfach. Das passiert, weil ich es mir erlaubt habe und nicht, weil ich etwas wegmachen wollte.

Da passiert Verdauung. Der Körper kann die Ladung loslassen. Was die Geschichte ist, ist manchmal nicht mal relevant. Sonst sind wir wieder im Kopf und versuchen zu verstehen, warum fühle ich mich so, warum bin ich gerade gestresst. Das ist oft schon eine Haltung dagegen. Manchmal ist Verstehen wertvoll, oft ist es hinderlich, weil der Körper einfach fließen lassen will.

Christian (02:48)
Ich kenne Wellen, die nicht Stunden dauern, sondern Tage und Wochen, aus der Vergangenheit. Damals war das nicht nur unaushaltbar, sondern ein Warnsignal. Heute weiß ich, das gehört zum Prozess. Aber viele sind erst mal überfordert. Sie sagen: Klingt toll, ich muss es nur fühlen. Aber was, wenn die Welle nicht aufhört? Die Angst vor der Angst. Wie hast du gelernt, mit diesen Wellen umzugehen?

Andreas (03:38)
Was mir unglaublich geholfen hat, war, mich körperorientiert begleiten zu lassen. Körperarbeit, um zu verstehen, wo halte ich das fest. Wenn ich Bewusstsein dafür entwickle, dass ich diese Wellen mit Spannungen festhalte: Überforderung kommt meistens nicht vom Loslassen, sondern vom Festhalten. Loslassen ist ein Akt, der passiert fast von selbst, und der kann sehr intensiv sein. Wir haben nicht gelernt, mit Intensität umzugehen. Aber das Festhalten ist das, was es fast unaushaltbar macht.

Festhalten sind Spannungsmuster im Körper. Nacken, Schultern, Bauch. Wahrzunehmen, wie halte ich gerade das fest, was so unaushaltbar ist. Wenn ich das checke und loslasse, kann die Welle durchbrechen, und dann sind das nicht mehr Tage oder Wochen, sondern es fließt viel schneller durch. Es ist manchmal super intensiv, aber viel kürzer. Der Körper verdaut. Das ist ein Lernvorgang.

Christian (05:10)
Bei mir ging es mit Massagen los. Die Frau war auch Körpertherapeutin und meinte, du könntest mal Körperarbeit probieren. Ich dachte, da drückt man rum und Emotionen fließen ab. Sie hat mir die Adresse vom Sexual- und Paartherapiezentrum Berlin gegeben. Ich dachte, scheiße, hat die meine Chakras nicht gespürt? In der ersten Session hatte er mich sofort. Er hat mich an der Schulter leicht gedrückt, ich bin sofort in die Kampfhaltung gegangen, Kiefer zusammen, Fäuste, dagegen drücken. Er meinte: Deine emotionale und körperliche Reaktion sind nicht im Einklang. Du hättest auch fragen können, was ich tue. Das war der Punkt, wo meine Reise begonnen hat. Du machst das mit vielen Menschen. Wie entwickelt sich das für dich heute?

Andreas (06:49)
Ich bin gerade selbst in einer Phase, die schwierig war und ist. Ehrlich gesagt: Die letzten Wochen war ich viel in Vermeidungsstrukturen. Ablenkung, mehr Screentime, mich nicht dem widmen, was im Körper passiert. Wir haben gelernt, dass das nicht passieren darf, weil niemand es uns beigebracht hat. Was mir hilft: Mit Menschen im Kontakt sein, transparent sein, mich zumuten, mich halten lassen.

Eine große Komponente ist Gebet. Kein religiöser Zugang, sondern ein natürlich angelegter Kommunikationskanal mit Spirit, dem Universum, dem Leben. Ich gebe eine klare Anweisung, dass der Körper das loslässt, was an Spannung da ist. Vor ein paar Tagen habe ich wieder damit angefangen und sofort gemerkt: Ich fange an zu zittern, zu weinen, zu schreien. Es fließt mehr durch, es wird unangenehm und gleichzeitig befreiend, weil eine Intelligenz übernimmt, die genau weiß, was es jetzt braucht. In diese Intelligenz kann ich mich hineinlehnen. Erlaubnis ist der Schritt, den es braucht.

Andreas (09:18)
Wir wissen oft nicht genau, was zu tun ist, weil wir es nicht gelernt haben. Ich durfte viel erleben, was passiert, wenn Emotionen durch wollen: kleine zittrige Bewegungen, freier Atem, Mund auf, Zunge raus, den Körper in einen Ausdruck begeben und ihn machen lassen.

Christian (09:58)
Wie sieht deine Kommunikation zu Spirit konkret aus?

Andreas (10:03)
Ich spreche Spirit konkret an. Schöpfer von allem, was ist. Oder Schöpferin, wenn ich mich einer weiblichen Instanz zuwende. Oder einfach Quelle. Quelle von allem, was ist. Es ist angewiesen, dass das und das jetzt passiert. Danke, danke, danke, dass es jetzt so ist. Wichtig ist, in einer Form zu sprechen, dass es schon geschehen ist. Heilung, Integration, Ausdruck. Besiegelt mit dreifachem Danke und einem Jetzt. Das hilft dem Geist, aus den Spiralen auszusteigen.

Christian (11:00)
Ich feiere das, Intention ist mega wichtig. Sie setzt aber Awareness und Bewusstsein voraus für das, was in dir vorgeht. Wenn der Christian vor fünf Jahren Intentionen gesetzt hätte, hätte er vielleicht Dinge bekommen, die er nicht will. Wie sieht der Schritt dahin aus? Wenn ein Mensch zu dir kommt, der noch nicht körper- und problem-aware ist, wo setzt du an?

Andreas (11:42)
Erst mal mehr Flexibilität in den Körper reinbringen. Lernen, in den Brustkorb zu atmen. Das Zwerchfell aufmachen, das ist ein tiefer Angstmuskel. Den Körper in Fluidität bringen. Je flüssiger der Körper, desto mehr Platz hat der große Geist in uns. Deswegen fängt es immer mit dem Körper an. Wenn der Kontakt wieder da ist, nicht vorstellen, dass ich einen Arm habe, sondern spüren, dass ich einen Arm habe, ein Innenvolumen, dann lässt sich auch über Gebet leichter Bewegung erlauben.

Wir sprechen ein zusammengehendes Gebet, und nach dem Gebet erlaube dir, eine Bewegung passieren zu lassen. Wenn du sie kurz selbst erzeugen musst, fang den Anfang selbst an, dann lass los. Dann passiert immer ein kleines Wunder. Der Mensch fängt an, sich wie von selbst zu bewegen. Manche sind zögerlich, haben Scham, Angst. Der Schlüssel ist: Fühl die Angst, fühl die Scham, mach es trotzdem.

Christian (13:39)
Die Entwicklung ist, Zugang zum Körper zuzulassen. Jeder ist auf einer Reise. Der eine ist weiter, der andere weniger weit. Die Frage ist, wie kann unsere Unterhaltung dazu beitragen, dass jemand einen Schritt weitergeht. Schön, dass du sagst, der Körper ist ein Medium. Viele identifizieren sich mit ihren Schmerzen. Ich habe Rückenweh, ich habe chronische Schnupfennase. So laufen viele durch den Alltag. Aber stimmt das? War es immer so? Was ist der Weg zum Urzustand?

Andreas (14:44)
Es gibt Etappen. Erst mal verstehen, ich bin nicht das, was ich da erlebe. Nicht leicht, weil wir involviert sind, vor allem bei Schmerz. Es gibt die Gefahr des Bypassing: Ich bin nicht mein Schmerz, also kümmere ich mich nicht. Mir geht es um das Verständnis, der Körper sendet ein Signal. Und ich habe nicht gelernt, den Konflikt darin festzuhalten. Wenn ich verstehe, ich bin nicht das, was da ist, kann ich Distanz aufbauen. Ich kann in Beziehung damit gehen. Mit dem Signal, dem Symptom, dem Schmerz. Wer bin ich, der in Beziehung damit gehen kann? Ich bin der Raum, der das wahrnehmen kann.

Andreas (16:10)
Ich, der Raum, in dem das alles passiert, kann das wahrnehmen, in Beziehung treten, forschen, mir Unterstützung holen, lauschend werden. Was signalisiert mir diese Stelle im Körper? Je mehr ich lausche statt zu wissen, desto mehr spült der Körper an die Oberfläche.

Christian (16:48)
Ich habe oft versucht, Körperempfindungen über Symbolik zu verstehen. Was heißt es, wenn meine Nase läuft? Ich habe das viele Jahre intellektualisiert. Irgendwann merkte ich: Je mehr ich verstehe, desto mehr Schmerz entsteht, weil ich oben im Kopf bin und nicht da, wo es weh tut. Worum es heute geht, ist Verdauen. Was ist der Unterschied zwischen Verdauen, Integrieren und Regulieren?

Andreas (17:58)
Ich fange mit Regulation an. Nervensystemregulation findest du heutzutage in jedem zweiten Kanal. Sie ist essenziell, weil sie uns befähigt, in Situationen, in denen Emotionen auftauchen und gerade nicht angebracht sind, weiterzumachen. Auf Arbeit, im Kontakt. Ich kann tief atmen, mich leicht bewegen, mich kurz zurückziehen, in inneren Dialog mit der Emotion gehen. Ich reguliere die Intensität runter. Das stabilisiert.

Andreas (19:10)
Der Nachteil: Wenn ich mich daran verliere, alles zu regulieren, verdaue und integriere ich nicht. Jedes Mal, wenn etwas auftaucht, entsteht Haltung. Ich will es nicht, das soll weg, weil es unangenehm ist. Bypassing.

Christian (19:33)
Ich zocke jetzt, scrolle, lese ein Buch, nicht weil ich es will, sondern um die Gefühle nicht zu fühlen.

Andreas (19:39)
Genau. Das ist menschlich. Aber mitzukriegen, ich vermeide gerade. Wenn ich verdauen will, dann erlaube mir, dass das erst mal da sein darf. Es ist unangenehm. Das ist die Welle. Sich in dem Moment überwältigend anfühlen kann. Aber Überwältigung ist meistens das Festhalten. Aufmerksamkeit auf den Körper, wo spanne ich gerade an? Ich merke, ich spanne meinen Bauch an. Loslassen. Der Atemzug, der dann entsteht, will nichts wegmachen, sondern verdauen.

Andreas (20:54)
Wir haben alle unsere Trauma-Tasse. Trauma heißt, ein Schock, der nicht zu Ende bewegt werden konnte. Niemand hat gesagt, hey, es ist in Ordnung, du darfst weinen, du darfst durchlassen. Etwas in uns ist eingefroren. Es will eine Bewegung abschließen. Je mehr ich Aufmerksamkeit auf den Körper richte, desto mehr verstehe ich: Eine Welle will brechen. In dem Moment, wo das passiert, ist Verdauung. Ist Integration. Aber das braucht Lauschen, Spüren, Zeit. Nervensystemregulation ist ein Quick Fix. Integration und Verdauung ist Long Fix. Ich nehme mehr Zeit, ich fühle, es kann unangenehm sein, und dann kommt nachhaltige Freiheit.

Christian (22:16)
Ich merke nach über sieben Jahren, es wird nicht weniger an Themen. Ich hatte drei Jahre eine lange rechtliche Auseinandersetzung. Nach deren Ende war erst mal drei Wochen pure Müdigkeit, dann kamen Themen hoch, die nichts damit zu tun hatten. Ich habe verstanden: Jetzt sind Ressourcen frei. Mehr Ressourcen heißt, du kannst mehr verdauen, was leider auch heißt, mehr Unangenehmes kommt hoch. Wir unterschätzen, was Trauma heißt. Es muss nicht der große Unfall gewesen sein. Es reicht, wenn Mama gesagt hat, halt dich beim Reden hier, halt dich beim Essen da. Wenn du als Kind geschlagen wurdest, weil du frech warst, ist das hochtraumatisch. Das schleppst du mit. Es geht nicht weg mit einem Retreat, auch wenn man sich das wünscht. Es braucht viele Jahre Integration und Hinschauen.

Andreas (23:45)
Und immer wieder die Bereitschaft, dass es unangenehm sein darf. Was in einem Retreat passiert, ist, dass eine große Ladung von dir weicht. Dafür sind Retreats geil. Aber die nachhaltige Integration passiert danach im Alltag. Wie übersetze ich das? Schaffe ich es, Nein zu sagen? Meinen Raum einzunehmen? Oder verfalle ich in alte Dynamiken? Es geht nicht nur um das Trauma selbst, sondern um die Überlebensmechanismen drum herum. Damit integriere ich. Meine Bodywork-Lehrerin hat gesagt: We are all learning to be with intensity. Die Intensität des Lebens nimmt zu, nicht ab. Wenn wir auf die globale Lage schauen.

Christian (25:17)
Ich habe mir das Emotionsspektrum so heruntergebrochen: Von extrem entspannt bis extrem euphorisch oder eskalativ. Wir haben in der Kindheit gelernt, beide Seiten runterzukatten. Wenn du auf der einen Seite reingehst, geht auch die andere. Ein erfülltes Leben heißt, die ganze Palette leben zu dürfen.

Andreas (25:44)
Vollgas, und tief.

Christian (25:46)
Mit jedem Hoch kommt auch ein Tief. Die Frage ist, wo pendelst du dich ein? Wut ist nichts Schlechtes, Wut ist überlebenswichtig. Wir müssen unterscheiden zwischen Wut und Übergriffigkeit. Es ist ein Unterschied, wütend zu werden und laut zu sagen, ich ärgere mich, versus jemanden zu beleidigen oder zu schlagen. Aber dieser Prozess braucht Zeit. Es ist wichtig, darin zu pendeln.

Andreas (26:22)
Megaschön. Genau das mache ich mit meinen Klientinnen und Klienten: Wenn etwas intensiv wird, lehne dich ein Stück rein. Es überwältigt dich nicht ganz. Du gehst rein, spürst, der Körper bewegt sich. Vielleicht schreist du kurz, weinst kurz, und gehst wieder raus. Diese Pendelfunktion kommt aus der Trauma-Welt. Du lernst, ich bin handlungsfähig. Statt das Fahrzeug zu verlassen und im Programm zu verfallen.

Christian (27:37)
Wie siehst du den Unterschied zwischen Einzelarbeit und Retreat in der Gruppe?

Andreas (27:57)
Beides ist wertvoll. In der Einzelarbeit geht es nur um dich, du bekommst hundertprozentige Aufmerksamkeit. Der Begleiter ist repräsentativ für das Leben da draußen. Du kannst in kurzer Zeit viel integrieren. Im Retreat bist du in einer Gruppenintelligenz. Du bekommst Prozesse anderer mit, die dich berühren. Du bist selbst in intensiveren Prozessen, weil du bezeugt wirst, nicht nur von einer Person, sondern von mehreren. Ein Verstärker. Du lernst: Ich kann unter Menschen schreien, weinen, Scham empfinden. Gerade Scham ist eine soziale Wunde, die passiert miteinander. Dafür sind Gruppen essenziell.

Christian (29:35)
Ich habe lange gebraucht, das wahrzunehmen. Durch meine Körper- und Psychotherapieausbildung war ich nach zwei Jahren Einzel auch in der Gruppe und habe gemerkt, Gruppe ist krass. Viele wollen den Schritt nicht, weil die damalige Gruppe, also die Familie, der Ort war, wo Gefühle nicht willkommen waren. Aber genau da liegt die Heilungsmöglichkeit. Du kommst nicht in eine Gruppe, die dich anschreit. Du bietest auch Retreats an, oder?

Andreas (30:28)
Ja. Ich biete Atemreisen, verbundenes Atmen, in Gruppen an. Sehr viel Einzelarbeit, und Intensiv-Workshops über dreieinhalb Tage, wo es nur um die Einzelperson geht. Da bekommst du in dreieinhalb Tagen vollständige Aufmerksamkeit für deine Themen. Eine tiefe Initiation. Größere Gruppen-Workshops mache ich im Sommer, dann bin ich Teil eines Teams. Was ich besonders liebe, sind die dreieinhalbtägigen Begleitungen, sechs bis acht Stunden am Tag, da blättert sich von innen alles auf.

Christian (31:44)
Was passiert in diesem Entblätterungsprozess?

Andreas (31:49)
In der Essenz vertieft sich die Beziehung zu sich selbst. Die Menschen lernen, eine Beziehung zu ihrem Körper aufzunehmen. Den Körper wieder zu spüren. Emotionen durchfließen zu lassen. In innere Stille zu kommen. Der Körper darf sich selbst regulieren. Ich bekomme einen Blick dafür, ich bin nicht die Gedanken, die gerade passieren, ich kann durchschauen. Der Körper weiß genau, was er braucht. Wir halten so sehr daran fest. Aufräumen aus der Vergangenheit. Was Menschen bei mir lernen: wirklich zu weinen, zu schreien, Scham zu fühlen. Mitzukriegen, dass das normal ist. Durchfühlen ist eine intrinsisch angelegte Fähigkeit, die wir verlernt haben.

Christian (33:53)
Wie findet Verdauen und Integration in der Stille statt?

Andreas (34:07)
Ich weiß nicht, ob man da schon von Integration per se sprechen kann. Stille befähigt mich, dass mehr passieren kann. In der Stille komme ich mit einer Konstante in Kontakt: dem Bezeugenden. Stille heißt nicht, abseits von Gedanken. Es heißt, ich versenke mich in mich selbst und komme vielleicht an einen Ort absoluter Stille. Aber eigentlich geht es darum, den Raum anzufassen, in dem es immer still ist. Je mehr ich diesen Raum anfasse, desto mehr kann der Körper sein eigenes Medium nachgehen, verdauen, loslassen, integrieren. Wichtig: Ich erlebe trotzdem alles. Ich bin nicht raus aus der Welt. Ich bezeuge und erlebe. Stille steuert man an durch Meditation, spazieren gehen, was auch immer für dich passt.

Christian (35:41)
Was ich raushöre: Der Skill ist, in den Beobachtungsaspekt zu kommen, in dem ich diesen Körper wahrnehme und gleichzeitig in Kontakt damit gehen kann, ohne mich darin zu verlieren. Eine weitere Frage: Wie ist es, wenn ich gerade in der unangenehmen Phase bin? Egal ob ich integriere oder nicht, jeder leidet auf seine Art. Wenn wir auf die Weltlage schauen, da ist viel Leid, innen wie außen. Wie gehe ich in einer Welt, die immer verrückter wird, besser mit mir um?

Andreas (36:42)
Große Frage. Ich kann nur auf mein eigenes Leben schauen. Ich war die letzten sechs Monate in einer schwierigen Phase. Mehr Angst, mehr Scham. Die Mechanismen, die das vorher zumindest weggekontrolliert haben, haben nicht mehr gegriffen. Was mir geholfen hat: Es ist unangenehm, und ich bleibe damit. Ich war unter Menschen mit viel Angst und Scham, habe das in meinem Gesicht sichtbar werden lassen. Mich gezeigt, mich zugemutet. Ich habe gerade mega Angst. Ich habe Scham, ich habe das Gefühl, ich bin falsch. Und immer wieder die Erfahrung: Es ist okay. Unangenehme Schwellengänge. Aber ich durfte mehr loslassen, mehr lernen, dass es wirklich in Ordnung ist. Ich muss nichts ändern. Diese Empfindungen dürfen vollständig da sein. Es braucht meine Bereitschaft, mich damit zu zeigen.

Andreas (38:43)
Es geht Hand in Hand. Das Leben passiert, es ist unangenehm, ich mache trotzdem weiter. Mit dem in Kontakt zu kommen, was in mir passiert, bringt uns zurück zur Verdauung. Den Wellen erlauben, durchzudürfen. Aber das Wichtigste ist, aufzuhören, dagegen zu sein. Es ist nicht angenehm. Aber wir lernen wahnsinnig viel, weil wir aufhören, dem Nervensystem zu suggerieren, das ist falsch.

Christian (39:32)
Genau deswegen mache ich auch das hier mit dir. Ich will weg von der blauen Pille. Du kannst Schmerz, den du jahrzehntelang gelebt hast, nicht wegaffirmieren. Du baust eine zweite Identität auf, die den Schmerz weiter nach unten drückt. Ohne Medizinstudium: Brauche ich mich wundern, wenn ich Verdauungsprobleme oder Bluthochdruck bekomme? Nein. Der Weg liegt nicht in der schnellen blauen Pille, sondern in der roten. Geh in die Matrix. Neo wurde nicht im Schlaraffenland wach. Er war unter Wasser, mit Stöpseln, ohne Luft. So funktioniert das. Aber danach kommt die Freiheit. Und die Transformation, auf die alle warten.

Andreas (40:39)
Heute spricht jeder von Nachhaltigkeit. Willst du den Quick Fix oder den Long Fix? Long Fix heißt, einen nachhaltigen Blick auf sich selbst zu entwickeln. Nachhaltigkeit bedeutet, sich Zeit zu nehmen. Spüren, was da ist, durchfühlen. Sich nicht daran verlieren. Das ist nicht leicht. Deshalb sage ich: Hol dir Unterstützung. Ich habe mich wahnsinnig viel unterstützen lassen. Die Dinge, die wir einfrieren lassen, haben wir erlebt, wo wir uns nicht selbst regulieren konnten. Wir brauchen ein Gegenüber, damit wir an den Stellen aufmachen können.

Christian (41:35)
Was in Beziehung kaputtgegangen ist, kann nur in Beziehung heilen. Ich habe für meinen Heilungsweg viel Geld ausgegeben. Wenn ich es ausrechnen würde, wüsste ich wahrscheinlich einen kleinen Gebrauchten. Würde ich jederzeit wieder machen. Ich glaube, es ist wichtig zu erwähnen, der Aspekt der Zeit steckt da drin. Du brauchst Zeit für dich selbst. Wenn du nur 10 Prozent mehr Zeit am Tag freimachst, welchen Long-Term-Effekt hat das?

Andreas (42:22)
In dem Moment, wo dein Nervensystem mitkriegt, du nimmst dir Zeit, fängst du an, mit deinen Themen mehr Kontakt aufzunehmen. Du machst einen Raum dafür auf. Eine Tür, die immer verschlossen war. Je mehr du erfasst, was in dir ist, desto weniger Kampf. Unser Nervensystem kämpft die ganze Zeit damit, Spannung loszulassen. Wir halten sie aufrecht. Sobald ich den Raum betrete, anschaue, fühle, fällt Druck ab.

Christian (43:17)
Wird der Druck größer, je länger ich die Tür nicht aufmache?

Andreas (43:20)
Auf jeden Fall. Du siehst das in der Generation vor uns. Symptome, Krankheiten. Krankheiten und Symptome sind unmittelbar mit ungefühlten Emotionen verbunden. Osteoporose ist eine Volkskrankheit. Knochen werden porös, weil zu viel Feuer gehalten wurde. Feuer ist elementar für Wut, Aggression, Schmerz. Zu lange gehalten, in die Knochen verdichtet. Die Knochen sagen: Ciao Kakao. Ein entzündeter Körper ist ein feueriger Körper. Der Drache muss Feuer speien. Wer lernt, den Konflikt anzuschauen, die Spannung loszulassen und den Körper frei zu machen, dem geht das Symptom oft auch.

Christian (44:47)
Ich kann sagen, ich bin viele Symptome losgeworden. Magenschleimhautentzündung, Reizdarm. Ich war beim Arzt, habe alles getestet, niemand konnte helfen. Irgendwann bleiben nur die Emotionen. Wie lange willst du noch warten?

Andreas (45:13)
Tiefe Empfehlung: Schau dir das an. Nimm dir Zeit. Hol dir Unterstützung.

Christian (45:20)
Es gibt Gott sei Dank immer mehr Menschen, die genau das zur Arbeit machen. Wir haben trotzdem unsere Themen. Die einen oder anderen haben sich schon Themen angeschaut und können von Erfahrungen sprechen, wo es sich bei dir vielleicht noch lohnt. Wenn das nicht Andreas oder Christian sind, dann gibt es andere. Es kann nicht schaden, sich Hilfe zu holen.

Christian (45:51)
Abschließende Frage: Wenn du auf den Andreas von vor zehn Jahren schaust. Was hat der am meisten gebraucht?

Andreas (45:57)
Wow. Ich war 27. Wenn ich auf den Menschen damals schaue, der schon in Begleitung war, der hat viel mehr Mut gebraucht zu sagen, ich brauche Hilfe. Wirklich Hilfe. Den Schritt, den Panzer abzulegen, die Idee loszulassen, ich schaffe das alleine. Hey Digger, erlaub dir nach Hilfe zu fragen. Wirklich nach Hilfe zu fragen. Wirklich halten zu lassen. Beim Halten zu merken, wie viel Angst du hast. Spür das. Spür das Zittern in dir. Das würde ich dir sagen.

Christian (47:14)
Das wirkt sehr bei mir. Lassen wir es so stehen. Schön, dass du da warst.

Andreas (47:21)
Danke für unsere Zeit. Gerne wieder.

Du regulierst seit Jahren, ohne dass etwas wirklich verdaut wird?

Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam hin. Kein schneller Fix, kein Bypass. Ein ehrliches Gespräch darüber, was dein Körper schon lange fertig spüren will, und was dein nächster Schritt sein könnte.